Edouard Baribeaud

Hic sunt leones
3. März – 14. April 2012

Hic sunt leones – der Titel von Edouard Baribeauds Ausstellung bedeutet auf Lateinisch „Hier sind die Löwen“. Die Römer bezeichneten damit auf ihren See- und Landkarten unerforschtes Land. Und tatsächlich sind in Baribeauds Werk Fremdheit, Unerforschtheit und Heimat wiederkehrende Themen. Kunst und Denken des 27-Jährigen sind geprägt von seiner Zweisprachigkeit und einer doppelten kulturellen Identität. Der Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter wuchs in Frankreich auf und besuchte in Paris die renommierte École nationale supérieure des Arts Décoratifs, wo er zum Buchillustrator ausgebildet wurde und Drucktechniken studierte. Seit 2010 lebt er in Berlin, wo er in kurzer Zeit mehrere umfangreiche und dichte Serien von Werken auf Papier schuf.

Baribeaud beherrscht spielerisch alle klassischen Techniken (Tusche, Aquarell, Gouache) und mischt diese ebenso gerne, wie er scheinbar unverträgliche Stile auf einem Blatt Papier zu vereinen weiß. Er lässt gerne das Alltägliche auf das Mythische prallen, führt archaische Gestalten durch moderne Umgebungen, mischt tatsächlich Erlebtes mit ausgedachten Erinnerungen. Seine Werke tragen manchmal deutsche, manchmal französische Titel – je nachdem, welche Sprachmelodie ihm passender erscheint. Zu seinen Inspirationsquellen gehört neben der Kunstgeschichte, der Philosophie und Alltagserlebnissen die Filmgeschichte.

Den Schwerpunkt der ersten Ausstellung Baribeauds bei Nolan Judin bilden neben Werken aus den Serien Der Flug der Eule und Abyme (Abgrund) großformatige Gouachen der Werkgruppe Hic sunt leones (2011/2012). Dargestellt sind Landschaften, die auf den ersten Blick banal wirken, auf den zweiten Blick verwirren und bei längerer Betrachtung einen assoziativen Sog entwickeln. Verwirrend sind Baribeauds Landschaften, weil er in ihnen eigentlich nicht zu vereinbarende Elemente zusammenbringt und so Unorte oder phantastische Szenerien schafft. Den Begriff der Heterotopie, wie ihn der französische Philosoph Michel Foucault geprägt hat, interpretiert Baribeaud als eine Projektionsfläche, eine Art „weißes Blatt“ für die Imagination des Betrachters. Der Bruch mit der konventionellen Raum- und Zeiterfahrung ist seine Einladung an uns, eine angedeutete Situation auszumalen und eine angefangene Geschichte weiterzuspinnen.

Im ersten Werk der Serie, dem kleinformatigen Sternenhorchen I, sehen wir eine kleine menschliche Figur, die mit zwei riesigen Hörtrichtern verbunden ist. Einst, vor der Erfindung des Radars, dienten Hörtrichter der Früherkennung von Flugzeugen – doch Baribeaud, dessen Bild auf einer Schwarzweiß-Fotografie beruht, hat diese Abhörtechnik umgewidmet: Sie dient nun dem mysteriöseren „Sternenhorchen“. Die verwaschenen Farben sind an das nachträgliche Kolorieren von Fotografien angelehnt und haben die Farbpalette der nachfolgenden Werke beeinflusst – die so verblichen ist wie die Erinnerung an erlebte oder erdachte Landschaften und Situationen. Das größte Werk der Serie, Hic sunt leones, zeigt einen riesigen Löwen, der sich vor einem kleinen Auto auftürmt, das in einer Düne steckengeblieben ist. Doch der Szene fehlt das Bedrohliche, der Löwe blickt interessiert auf das Fahrzeug und lächelt. Das Bild basiert auf einer Strandbegegnung: Der Löwe ist aus Kunststoff und entstammt einem erfolgreichen Zeichentrickfilm. Baribeaud spielt mit den Größenverhältnissen und huldigt der Banalität. Insgesamt sind elf Werke aus dieser Serie zu sehen.

Bereits als Kind wollte Baribeaud Kinderbuchillustrator zu werden. Zwanzig Jahre später entstanden die Werke der Serie Der Flug der Eule (2011), in Tusche gezeichnet oder gemalt, für das erfolgreiche Buch Les larmes de Hegel (Hegels Tränen), eine Auseinandersetzung mit der Aktualität des deutschen Philosophen für unsere Zeit. Auch wenn sich Baribeaud intensiv ins Thema des Buches eingelesen hat, so sind seine Zeichnungen weit mehr als texttreue Illustrationen. Es sind autonome Bildnisse, mit Lust zu Papier gebrachte Geistesblitze. Er holt alles aus den beschränkten Möglichkeiten der Tuschezeichnung heraus – die Welt in Schwarz und Weiß zu sehen ist seine Sache nicht. Der Titel zitiert einen berühmten Satz von Hegel. So wie die Eule erst bei Dämmerung ihren Flug beginne, male die Philosophie am Abend der Geschichte den Ereignissen hinterher – in Grau und Grau. Mit großer Virtuosität tut das Baribeaud in den 25 ausgestellten Blättern auch.

Auch der Titel der dritten ausgestellten Serie, Abyme (Abgrund, 2011), zitiert einen Philosophen: „Wenn du lange genug in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“ (Nietzsche). Im Französischen beschreibt der Ausdruck „mise en abyme“, der seinen Ursprung in der Heraldik hat und ein Wappen im Wappen beschreibt, die unendliche Spiegelung oder Wiederholung einer Handlung oder eines Bildnisses. Für Baribeaud bilden die in unserem Leben omnipräsenten Bildschirme die modernen Abgründe. Wir starren in sie hinein, sehen uns x-fach wiedergegeben und können uns dem hypnotischen „Blick zurück“ dieser digitalen Abgründe kaum entziehen. Eines der sechs ausgestellten Bilder trägt den Titel Unheimat. Es ist ein erfundenes Wort und bezeichnet „den Ort, den ich kenne, aber nicht betreten will“. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie poetisch Baribeaud die Desillusionierung betreiben kann.

In den farbigen Bildern dieser bislang umfangreichsten Ausstellung Edouard Baribeauds deutet sich ein Wechsel von der Zeichnung zur Malerei an – mit der gleichen Leichtigkeit und dem enormen Ideenreichtum, die sein bisheriges Werk prägen.