Edouard Baribeaud

The Hour of the Gods
17. September – 7. November 2015

Edouard Baribeaud lässt in seinen Werken Wirklichkeit und Vorstellungskraft lustvoll aufeinanderprallen. Die daraus entstandenen Szenerien bestechen durch einen besonderen Effekt: Obschon statisch, scheint es, als könnten sie durch einen bloßen Stups zum Leben erweckt werden. Affen, Papageien und ganze Bäume fliegen durch die Luft. Ein opulenter Bühnenvorhang wird zur Seite geschoben und gibt den Blick frei auf einen gewaltigen, Lava spuckenden Vulkan. Ein maskierter Mann, halb Krieger, halb Schamane, tanzt über eine erträumte Bühne. All das treibt wild durcheinander, ist fantastisch, witzig, magisch; es lässt das Profane hinter sich und Bereiche des Geistes erkunden, die sonst verborgen liegen.

In The Hour of the Gods, Baribeauds zweiter Einzelausstellung für die Galerie Judin, präsentiert der deutsch-französische Künstler eine neue Serie von Gemälden und Arbeiten auf Papier, die alle dieses Jahr entstanden sind. Sie sind von einer Reise nach Indien inspiriert, die Baribeaud zwischen November und Dezember 2014 aus Anlass eines laufenden Filmprojekts unternahm. Der Titel der Ausstellung verweist auf die Abenddämmerung; in Indien trägt sie den Namen godhuli bela („Zeit des Kuhstaubs“). Es ist die Zeit, da die Schatten länger werden, Mensch und Tier ins Dorf zurückkehren und die Tiere auf dem Weg Staub aufwirbeln. Es ist eine heilige Zeit, denn auch Gott Krishna pflegte abends sein Vieh nach Hause zu bringen.

Inspiriert von der traditionellen indischen Miniaturenmalerei der Mogul-Ära, übernahm Baribeaud einzelne Elemente in die Komposition seiner Zeichnungen und Gemälde. Darunter sind rein ornamentale wie der rote Rahmen, der die Arbeiten The Decline und The Fall sowie The Mouth of the Cow und Day after Day umgrenzt – und auch figurative Elemente wie akribisch, Blatt für Blatt gezeichnete üppige Vegetation. Diese fantastischen Pflanzenwelten erinnern in Werken wie Popol Vuh’s Garden und La fuite du sauvage stark an gemusterte Stoffe oder Holzblockdrucke, deren Ursprünge wiederum in Indien zu finden sind. Doch obwohl diese figurativen Elemente mit größter Sorgfalt und Liebe zum Detail ausgeführt sind, hält Baribeaud den Realismus auf sicherer Distanz – viel näher ist ihm das Mythische und Parabelhafte.

Im Kern der Ausstellung geht es Baribeaud um eine zeitgenössische Betrachtung des „Orientalismus“ – also des fast obsessiven Interesses der Europäer im 19. Jahrhundert an den Kulturen des Nahen und Fernen Ostens. Ihn interessiert dieses Phänomen sowohl als kunstgeschichtliche Epoche als auch gesellschaftliche und politische Haltung der europäischen Eliten, die mit ihrem verklärten oder verfälschten Blick auf die arabische und asiatische Welt sich ihrer eigenen Überlegenheit versicherten. Baribeaud hat sich in einer früheren Werkreihe (Hic sunt leones, 2012) mit den Begriffen „Heimat“ und „Fremde“ und seiner doppelten kulturellen Identität auseinandergesetzt. In The Hour of the Gods setzt er sich nun mit der Frage auseinander, wie seine eigenen Vorstellungen und Vorurteile zum Orient und zu Indien nach seiner Reise noch in seiner Kunst nachklingen.

In zweierlei Hinsicht steht diese Ausstellung für eine Zäsur in Baribeauds künstlerischer Praxis: Zum ersten Mal malt er auf Leinwand (bisher malte er auch Großformat ausschließlich auf Papier), und den Besucher erwartet eine raumfüllende Installation. Mit diesen neuen Medien verleugnet er aber keineswegs seine Wurzeln als (Buch-)Illustrator und Druckgrafiker, zu welchen er sich an der renommierten Pariser École nationale supérieure des Arts Décoratifs hat ausbilden lassen. Im Gegenteil: Das Malen mit Eitempera erlaubt ihm, fast ohne Konzessionen sein außergewöhnliches zeichnerisches Talent auf die Leinwand zu bringen. Diese altertümliche und technisch anspruchsvolle Maltechnik entwickelte sich in der Frührenaissance zur Blüte, bis sie im 16. Jahrhundert durch die Ölmalerei verdrängt wurde. Im Gegensatz zur pastos und in Schichten aufgetragenen Ölfarbe verleiht Eitempera der Bildoberfläche eine einzigartige Ebenheit, frei von der schweren Materialität und dem Glanz. Eitempera ermöglicht Baribeaud auch eine andere Chronologie des Bildaufbaus: mit dem hellsten Element beginnend sich sukzessive ins Dunklere vorzuarbeiten. Dieses Vorgehen kennt er vom Arbeiten mit Wasserfarben – eine Technik, die er hervorragend beherrscht, wie die 17 ausgestellten Aquarelle belegen.

Baribeauds erste Installation, The Divine Wrath, basiert auf der aquarellierten Tuschzeichnung Empedocles at Mount Semuru. In einer von Säulen und Vorhängen umrahmten Theaterkulisse schleudert ein Vulkan dramatische Mengen von Lava und Gestein in eine tropische Traumlandschaft. Die gezeichneten Elemente hat Baribeaud auf über fünf Meter Höhe vergrößern und aufziehen lassen. Er bereitet dem Publikum mit dieser begehbaren Zeichnung eine Bühne, durch die es – Akteur der Kunst geworden – in die Ausstellung eintritt. Das Bühnenthema findet denn auch prompt seine Fortsetzung in den zweidimensionalen Werken der Ausstellung. Wir entdecken Landschaftselemente, die von hinten abgestützt werden müssen, denn sie sind auf Pappe gemalt. Seltsame Figuren treten in geometrischen Masken auf, die so gar nicht in die indische Landschaft passen wollen, die sie umgibt. Dafür steht ein staunender Wächter von dem leeren Grab Christi, im traditionellen indischen Kostüm samt Krummdolch – natürlich als Pappfigur.

Und natürlich nimmt Baribeaud auch Bezug auf das große, über tausend Jahre alte indische Puppentheater mit seinen Kathputli genannten Marionetten, das bis heute fest in der Kultur Rajasthans verankert ist. Baribeaud ist fasziniert von dieser Form des Geschichtenerzählens, und die Zeichnung Kathputli’s Dream ist so etwas wie eine Vorschau auf den Film, den er bald in Indien drehen will. Darin spielt ein alter Kathputli-Puppenspieler die Hauptrolle, der im Indien des Internetzeitalters versucht, sich und seine Kunst am Leben zu erhalten.

Auch die großen indischen Epen haben es Baribeaud angetan. Hanuman und The Lifting of the Sacred Mountain beziehen sich auf die Geschichte des mit magischen Kräften ausgestatteten Hindugotts Hanuman, der auf der Suche nach einem seltenen Heilkraut kurzerhand den Himalaja auf den Kopf stellt und ausschüttelt. Eine wunderbare Verbindung von Ost und West gelingt Baribeaud im Gemälde The Fall und dem dazugehörigen Aquarell The Decline. Wir sehen die Gestalt des unglücklichen Ikarus, der wie gewohnt aus dem Himmel stürzt. Aber dieses Mal ist nicht die Nähe zur Sonne und das schmelzende Wachs schuld: Ikarus ist in einen Monsunsturm geflogen. Diesen malt Baribeaud in der typischen indischen Darstellung mit rhythmisch angeordneten Wolken und schlangenförmigen Blitzen. Die Figur des Ikarus hingegen ist im Stil des Manierismus gehalten – schöner kann man Ost und West nicht zusammenführen.

Andere Figuren lassen sich nicht so leicht zuordnen – wie etwa der in mehreren Werken auftauchende Tänzer, der sein Gesicht hinter einer dreieckigen Maske verbirgt. Die auf- und abtretenden Akteure sind vielleicht einer weiteren Inspiration Baribeauds geschuldet, der barocken Ballettoper Les Indes galantes (1735) von Jean-Philippe Rameau. Über diese schrieb ein Zeitgenosse, sie enthalte so viel Musik, dass man leicht zehn Opern daraus erschaffen könne. Ähnliches lässt sich vom Reichtum an Ideen und Geschichten dieser neuen Werkgruppe sagen.