Adrian Ghenie

The Flight into Egypt
1. November – 20. Dezember 2008

Im Herbst 2008 erlauben drei gleichzeitig ausgerichtete Ausstellungen eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Arbeitsweise und Bildsprache des rumänischen Malers Adrian Ghenie (*1977). Im Rahmen der Tate Biennale in Liverpool ist neben anderen neuen Bildern das monumentale Nickelodeon ausgestellt. Der Berliner Ableger der rumänischen Galeria Plan B ermöglicht mit der erstmaligen Präsentation von „Works on Paper“ einen faszinierenden Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers – handelt es sich doch mehrheitlich um collagierte und übermalte Kompositionsentwürfe für die großen Ölbilder. Nolan Judin Berlin freut sich, elf dieser Bilder in der Ausstellung „The Flight into Egypt“ erstmals zu zeigen.

In seinen neuen Arbeiten entwirft Ghenie narrative Räume. Seine Bildwelten wirken zunächst wie abgeschlossene Interieur-Darstellungen, in denen die Figuren zumeist abwesend sind. Sie schlafen, stehen in der Rückenansicht zum Betrachter oder scheinen im inneren Dialog versunken. Die verwendete vielschichtige Textur und Strukturierung von flüssiger Acrylfarbe, durchscheinender Leinwand und opaker, oftmals geschabter Ölfarbe, zeigen einen postmodernen Umgang mit dem Medium Malerei, wie ihn Gerhard Richter geprägt hat.

Einzelne Hinweise, wie das Querformat und der Titel der Arbeit The Flight into Egypt zeigen Referenzen auf. Ein stilbildendes Mittel der Landschaftsmalerei ist das Querformat, wie auch das klassische Motiv des Hirschs den Bezug zur Naturthematik aufnimmt. Ghenie sucht oftmals Bezüge zur Renaissancemalerei wie etwa zu Joachim Patiniers „Rast auf der Flucht nach Ägypten“ (um 1522). Die visionär weiten Überschaulandschaften des flämischen Malers übersetzt er in städtische Topografien, in denen Objekte wie ein Auto, Zelt und Korb zu zeitgenössischen Motivkodierungen von Exil und Migration werden.

Alttestamentarische Bezüge stellt Ghenie auch im ergänzenden Diptychon mit dem Titel Rest During the Flight into Egypt her. Die liegende Frau im braunen Pelzmantel scheint zunächst wie leblos und starr im undefinierten Raum zu liegen. Erst durch die in den Farben Blau und Weiß gehaltene Darstellung eines friedlich schlafenden Jungen in der anderen Hälfte der Arbeit, löst sich die angestaute Beklemmung.

Auch in The Wall nimmt Ghenie Bezug auf ein Meisterwerk der nördlichen Renaissance. Während in Memmlings „Scenes from the Passion of Christ“ 1471) die Mauer das geschäftige Jerusalem von der Ödnis Golgathas trennt, ist in Ghenies kunstvoller Übernahme der Komposition unschwer das Berlin vor dem Mauerfall zu erkennen.
 


In der Arbeit Air Raid ist der Blick senkrecht von oben auf ein Flugzeug fokussiert. Durch optische Verschiebungen, bricht der Blick von einer zunächst als völlig abstrakt wahrgenommenen Farbkomposition in eine Landschaftswahrnehmung mit photorealistischen Qualitäten. Die Brücken über den nun erkennbaren Fluss, die Siedlungen und Fabrikanlagen – sie werden nun plötzlich Ziele eines Luftangriffes.

Das betörende Rot in der Arbeit The Collector erscheint als eine dramatische Übersetzung Tizian’s Farbinszenierungen. Die fließende Farbe kontrastiert die nachdenkliche Gestalt Görings, inmitten seiner geraubten Kunst. Erst bei näherer Betrachtung wird klar, dass es die abgemagerte Figur des im Nürnberger Gerichtssaal sitzenden ehemaligen Genussmenschen und Großsammlers ist. Trickreich entsteht aus der stillen Interieurszene eine überlaute Kakophonie historischer Bezüge. Thematisch gehört auch die Arbeit Berghof zu der Collector-Serie. In einem der seltenen menschenleeren Bilder Ghenies formieren sich chaotisch aufgetürmte Bilder zu einer fast abstrakten Komposition. So präsentierten sich den Aliierten Soldaten im Bilderdepot Berghof die in ganz Europa geraubten Kunstschätze der Nazis. Der idyllische Titel, der auch gut einem Landschaftsbild gelten könnte, schlägt so schnell ins Zynische um.

Die Themen der Repräsentanz und ihre Dekonstruktion sowie Verfolgung und Leiden sind von großer Bedeutung für Adrian Ghenie, der im propagandistisch geprägten Rumänien unter Ceausescu aufgewachsen ist. Die Raumkonstruktionen scheinen daher instabil, die Ordnungen zersetzen sich. Die splittrigen Wand- und Bodenteile in The Flight into Egypt sind ohne eindeutige Perspektivkonstruktion. Die optische Statik wird immer wieder aufgelöst durch zerfließende Acrylfarben, durch Schärfen und Unschärfen sowie Verschränkungen.

Adrian Ghenie lebt und arbeitet in Berlin und Cluj (Rumänien). Einzelausstellungen seiner Arbeiten waren 2007 bei Haunch of Venison in Zürich, Wohnmaschine in Berlin und Kontainer Gallery in Los Angeles zu sehen.