Barry Le Va

Sculptures and Drawings 1966 — 2009 (Part I)
31. Oktober – 19. Dezember 2009

Nolan Judin Berlin freut sich, das umfangreiche zeichnerische und skulpturale Schaffen des New Yorker Künstlers Barry Le Va (*1941) in zwei Ausstellungen zu würdigen. Im Zentrum der ersten Ausstellung, die der Zeit von 1966 bis ca. 1985 gewidmet ist, stehen drei Skulpturen aus Fleischerbeilen, die der Künstler in die Wände und den Boden der Galerie schlug. Die physische Präsenz dieses elementaren Werkzeugs ruft unweigerlich Assoziationen mit Gewalt und Brutalität hervor. Die „psychologische“ Wirkung ist jedoch der am wenigsten interessante Aspekt dieser Installation. Vielmehr verkörpert sie exemplarisch Le Vas Besessenheit von „Indizien“ – den Hinterlassenschaften der Handlungen und Ereignisse – und seine Beschäftigung mit Zeit und Raum, Material und Energie, Ordnung und Chaos.

Das Prozesshafte und das Vergängliche siedeln sein Werk am äußersten Rand einer zeitgenössischen Definition von Skulptur an – eine Aussage, die so seit seinen ersten, Aufsehen und Entrüstung erregenden Installationen vor über vierzig Jahren zutrifft und Barry Le Va als einen der bedeutendsten amerikanischen Künstler der Gegenwart auszeichnet. Zu seinem erklärten Ziel gehört die Überwindung des Verständnisses von Skulptur im Sinne von umschlossener, gestalteter Masse. Seine Werke resultieren aus dem Prozess von Verteilen, Ausschütten, Zerstreuen, Verwehen, Schichten, Fallenlassen, Werfen und Zertrümmern.

Die ersten raumgreifenden Installationen der Jahre 1967 und 1968 bestanden aus Filzstücken, Eisenkugeln (aus Kugellagern) und Holzleisten, die Le Va auf dem Boden verstreute. Die Anordnung wirkte planlos und ausufernd – Momentaufnahme eines Prozesses, dessen Anfang und Ende nicht erkennbar sind. Durch die scheinbar zufällige Ausbreitung der Materialien erlangen diese eine räumliche Anordnung und Ausdehnung, mittels derer sie in ein „Verhältnis“ zu ihrem Umraum treten.

Der Erweiterung seines Verständnisses von Skulptur folgte die Erweiterung seiner Materialienpalette: Aluminiumbänder, zähflüssiges Öl, Mehl, Kreide, gegossener Zement und Gummi. 1967 entstand die erste Skulptur aus aufeinander geworfenen Glasscheiben. 1969 verblies Le Va in einer epochalen Gruppenausstellung im Whitney Museum of American Art Mehl auf dem Boden – und erreichte damit einen bis dahin nicht gekannten Grad von Instabilität und Vergänglichkeit in der Kunst. Ebenfalls im Whitney Museum schlug er 1970 zum ersten Mal Fleischerbeile in die Wand. Im Jahr zuvor war eine Toninstallation entstanden, die das Geräusch seines beständig gegen eine Wand prallenden Körpers wiedergab. Ein anderes Mal ließ Le Va einen Polizisten mit einer Pistole Löcher in die Wand einer Galerie schießen. Das Ziel des Künstlers war stets, „Skulptur als vollendetes, völlig eindeutiges Objekt auszuschließen. Einen Eindruck von Ganzheit auszuschließen und sich auf Einzelteile, Fragmente, unvollständige Handlungen und Strukturen zu konzentrieren. Besonderen Nachdruck auf Durchgangsstadien einer Handlung zu legen oder vieler Handlungen ohne vorhersehbares Ende.“

Den Zeichnungen misst Barry Le Va die gleiche Bedeutung zu wie den Skulpturen und Installationen. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Die Entwürfe auf Papier und die ausgeführten dreidimensionalen Arbeiten stehen in einem dialektischen und gleichzeitig symbiotischen Verhältnis zueinander.

Eine Skulptur ist nicht mehr als eine momentane Feststellung, während die Zeichnungen den Variantenreichtum und die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung aufzeigen. „Zeichnen ist für mich eine Form des Denkens, eine Möglichkeit, mich auf bestimmte Ideen zu konzentrieren und Klarheit über sie zu gewinnen.“ Diese Klarheit ist er aber nicht immer willens, mit dem Betrachter zu teilen. Auf den ersten Blick wirken die Zeichnungen nüchtern; sie scheinen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu folgen. Doch das Dargestellte ist oft unverhohlen „schön“ und entpuppt sich bei eingehender Betrachtung als eine Mischung aus Konstruktion und Intuition. Der Künstler lässt uns im Dunkeln darüber, welchem Prinzip er letztlich folgt.