Danica Phelps

Mark Down
12. September – 17. Oktober 2009

„Mark Down“ ist die erste Ausstellung der New Yorker Künstlerin Danica Phelps (geb. 1971) in Berlin und präsentiert neben neuen Werken auch einige Schlüsselwerke der vergangenen Jahre. Danica Phelps ist in erster Linie eine Zeichnerin. Sie führt in diesem Medium Tagebuch und dokumentiert akribisch alle Aspekte ihres Alltags als Künstlerin. Ausgeführt in eleganten Bleistiftstrichen, katalogisiert sie akribisch so alltägliche Rituale wie Aufwachen, Hunde spazieren führen, Gemüseeinkauf, Sex, Streit und Versöhnung. In ihren Werken verbindet Phelps auf einzigartige Weise Abstraktion, konzeptuelle Systematik, figurative Linie und Exhibitionismus. Auf eine sehr direkte Weise setzt sie sich mit Fragen der Wertschöpfung und den Strukturen des Kunstmarktes auseinander, indem sie ihre Lebenshaltungskosten bis ins kleinste Detail offenlegt – und Werke schafft, die wiederum ihre Ertragssituation zum Thema haben. Im November 2008 hat Danica Phelps ihr erstes Kind, Orion, zur Welt gebracht. In „Mark Down“ lässt sie den Betrachter auf feinsinnige und berührende Weise an den emotionalen und wirtschaftlichen Veränderungen ihres Alltags als Künstlerin und Mutter teilhaben.

Den Auftakt unserer Ausstellung macht „Walking Amsterdam 9-5“, eine Installation bestehend aus 116 kleinformatigen Zeichnungen. Danica Phelps schuf dieses Werk im Jahr 2002 für die Amsterdamer Galerie Annet Gelink. Sie verbrachte drei Wochen in der Stadt und wanderte an dreizehn Tagen jeweils genau acht Stunden. Ausgangspunkt dieser Wanderungen war immer der Hauptbahnhof und sie führten in einer möglichst geraden Linie in alle Richtungen, jeweils 20 Grad verschoben von der Wanderung des Vortags. Um 17.00 Uhr suchte sie das nächstgelegene öffentliche Transportmittel und kehrte ins Stadtzentrum zurück. Einer dieser Acht-Stunden-Märsche brachte sie bis in ein Außenquartier von Utrecht, an einem anderen erreichte sie Zanfort. Die einzelnen Zeichnungen an dieser Wand sind nach Tagen gebündelt. Eine listet jeweils alle Aktivitäten des Tages auf, die anderen stellen Situationen und Gegenstände dar, für die Phelps Geld ausgab. Jeder rote Streifen steht für einen ausgegebenen Dollar, jeder grüne Streifen für einen verdienten Dollar. Der Preis jeder Zeichnung (von 30 bis 800 Euro) richtet sich danach, wie sehr die Künstlerin die Zeichnung mag. Da sie der Auffassung ist, dass die Bestimmung des Preises die letzte ästhetische Entscheidung darstellt, wird er zu einem Bestandteil des Werks – und wurde (in Dollar) auf der Zeichnung notiert. Findet eine bestimmte Zeichnung einen Käufer, stellt Phelps davon auf Pauspapier eine Kopie her, die die verkaufte Zeichnung im Gesamtwerk ersetzt. Auf diese Zeichnung „zweiter Generation“ malt sie die Anzahl grüner Streifen, die dem erzielt Preis entsprechen, den Namen des Sammlers, die Galerie und das Verkaufsdatum. Dadurch wird diese Kopie wiederum zu einem Unikat – und steht zum Verkauf. Die Präsentation bei Nolan Judin Berlin ist die erste Gelegenheit die Zeichnungen zu kaufen seit der Ausstellung in Amsterdam im Jahr 2002.

„Integrating Sex into Everyday Life“ umfasst unzählige Pauskopien auf japanisches Seidenpapier von Zeichnungen, die zwischen 2003 und 2006 entstanden und gleichsam ein „Zeichnungsarchiv“ bilden. Sie entstanden nach Danica Phelps lesbischem Coming-out. Davor war sie sechs Jahre mit einem Mann verheiratet. In diesen Jahren hatte sie zwar ihren Alltag akribisch aufgezeichnet – auf eine Viertelstunde genau – aber Sex kommt in diesen künstlerischen Protokollen nicht vor, weil er auch in ihrem Leben nicht vorkam. Nach ihrem Coming-out musste ihr neu entdecktes Sexleben Bestandteil ihrer Arbeit werden und sie beschloss, ihn in Zeichnungen festzuhalten. Für Phelps, die zeichnet als könnte sie durch Körper und Dinge hindurch sehen und diese umwandelt und verschmelzen, war Sex ein wunderbares Thema. Sex sollte gleichwertig behandelt werden wie alle anderen Aspekte ihres Alltags. Den Gemüseeinkauf zeichnet sie folglich ebenso liebevoll wie eine Liebesnacht mit ihrer Lebenspartnerin. Diese Ansammlung von Zeichnungen sind die jeweils letzten Pauskopien von Werken, die innerhalb von zwei Jahren sechsmal ausgestellt und verkauft worden waren. Die beliebteste dieser Zeichnungen hat die zwanzigste Generation erreicht.

Die an die Wand geschraubten Schrift-Skulpturen der Werkgruppe „Things for Orion“ (2009) entstanden aus dem Verpackungsmaterial all der Dinge, die nach der Geburt Orions angeschafft werden mussten. Ausgeschnitten aus Schichten von Wellpappe, bilden sie die Logos der Hersteller nach (IKEA, Canon, Arms Reach, etc.). Die Papier-Schablonen, ein Hilfsmittel zur Herstellung von „Orion’s Things“, und mithin ein Abfallprodukt „zweiter Generation“, hat Danica Phelps wiederum zu großen Blättern von Papier zusammengefügt. Diese 2009 entstandene, über 2 x 2m große Arbeit, heißt „Making Paper (Whole Sheets)“.

Die zentrale Installation der Ausstellung ist die „Failed Stripe Factory“ von 2007-2009. Sie besteht aus sieben unterschiedlich großen Panellen aus Holz, auf die Papierstreifen mit insgesamt 470.000 aquarellierten Streifen aufgezogen sind. Der Kauf eines kleinen Vierfamilienhauses in Brooklyn sprengte den Rahmen von Danica Phelps „Buchhaltung“ der roten und grünen Streifen. Die Bankfinanzierung belief sich auf 627.000 Dollar, was die entsprechende Anzahl von grauen Streifen erforderte (grau, weil Kredit in der Grauzone zwischen Ausgaben und Einnahmen liegt). Die Künstlerin musste Assistenten einstellen – und zeitweise malten bis zu 15 Personen gleichzeitig graue Streifen. Die individuelle Art in der die einzelnen Assistentinnen ihre Streifen malten, führte zu Nuancierungen und Struktur. Die resultierenden Bilder waren alles andere als „monochrom“! Dieser Aspekt faszinierte Phelps und sie beschloss, den Prozess von ihren persönlichen Finanzen loszukoppeln und „Streifenbilder auf Bestellung“ anzubieten. Das Projekt hieß nun „The Stripe Factory“ und beschäftigte sechs Personen. Ein Sammler konnte unter Angabe der gewünschten Anzahl Streifen ein Bild in Auftrag geben, zum Preis von 15 Cents pro Streifen. Davon erhielten die Factory-Arbeiterinnen fünf Cent als Lohn, die vermittelnde Galerie fünf Cent als Kommission, und die verbleibenden fünf Cent waren der Ertrag für die Künstlerin. Als Farbe für die Streifen wählte Phelps braun – die Mischung aus rot und grün. Als erstes wurden sieben Musterbilder hergestellt, mit 20.000 bis 100.000 Streifen. Das Projekt war ein Misserfolg: Die Sammler waren nicht an Streifenbildern interessiert, die nichts mit dem finanziellen Alltag der Künstlerin zu tun hatten. Nach zwei Jahren beschloss Phelps, die Factory aufzulösen. Das Projekt heißt nun „Failed Stripe Factory.“ Die sieben Musterbilder sind hier ausgestellt und stehen als Ensemble zum Verkauf.

„It made me too sad to write down every fight we had“ von 2008 besteht aus an die Wand gehefteten Buchstaben, die diesen Satz formen. Die Beziehung von Danica Phelps und ihrer Freundin Debi war sehr leidenschaftlich – im Guten wie auch im Schlechten. Intensiver Sex löste sich mit erbittertem Streiten ab. Beim Aufzeichnen des Alltags begann die Trauer über das Streiten zu überwiegen und so beschloss die Künstlerin nach zehn Jahren nicht mehr jedes Detail festzuhalten. Um dieses Jahrzehnt zu zelebrieren, schuf sie die letzte Chart-Zeichnung als Siebdruck-Auflage. Die Buchstaben von „It made me too sad to write down every fight we had“ („Es stimmte mich zu traurig, jeden Streit den wir hatten, aufzuzeichnen“) entstand aus Abfällen, die sich in den vier Monaten nach dem Entscheid angesammelt hatten.

Die über 20m lange Zeichnung „Orion’s First Months“ beschreibt die ersten zwei Monate im Leben von Orion. Diese Scrolls (Rollen) sind ein Kennzeichen von Danica Phelps Freude an komplexen, überlagerten (gleichsam mehrfach belichteten) Linien-zeichnungen, für die sie sich eine ungewöhnliche Verkaufsstrategie ausgedacht hat: SammlerInnen kaufen einen selbst gewählten Ausschnitt von beliebiger Länge, aber mindestens 20 cm. Pro Zentimeter werden 20 Euro berechnet. Ein 60 cm breiter Ausschnitt kostet also 1.200 Euro, etc. Die Rollen-Zeichnung „IVF in India“ (2008) entstand unter dem Eindruck einer Reise nach Indien, die Danica Phelps unternahm um sich einer künstlichen Befruchtung zu unterziehen. Die Künstlerin und ihre Lebenspartnerin Debi hatten sich entschieden, gemeinsam ein Kind zu haben. Beide Frauen unterzogen sich Untersuchungen und es stellte sich heraus, dass Danica Phelps die besseren Chancen hatte, schwanger zu werden. Die Kosten für eine IVF (In Vitro Fertilization) betragen in Indien, der Heimat von Debi, etwa einen Fünftel der Kosten in den USA. Außerdem diente ein Cousin von Debi als Samenspender. Die IVF glückte auf Anhieb und im November 2008 kam ein gesunder Junge, Orion, zur Welt.

Die acht feinen Bleistiftzeichnungen „Orion’s Hands“ (2009) entstanden beim Stillen - jeweils über einen Zeitraum von mehreren Tagen.

Als ihre Schwangerschaft feststand, fotografiert sich Danica Phelps für „Pregnancy“ (2008) jeden Tag am exakt gleichen Ort in ihrer Wohnung, die in Erwartung der Familienerweiterung erhebliche Veränderungen erfuhr. So sehen wir also nicht nur das Anwachsen des Bauches im Schnelllauf, sondern erleben auch wie sich Möbel und Einrichtungsgegenstände wie von Geisterhand bewegen, bzw. durch den Raum fliegen. Die letzten Fotos entstanden in den 30 Tagen nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus. Das Pendant zu „Pregnancy ist Orion growing“ von 2009. Es zeigt wiederum im Schnelllauf das tägliche Portrait der Künstlerin, diesmal mit ihrem Kind, aufgenommen vom zweiten bis zum sechsten Monat – eine schöne Erweiterung der Mutter-und-Kind-Ikonographie. Beide Werke entstanden in einer Auflage von 100 nummerierten Exemplaren.