Uwe Wittwer

Verwehung
10. Januar – 14. Februar 2009

Nolan Judin Berlin freut sich, unter dem Titel „Verwehung“ neue Arbeiten des Schweizer Künstlers Uwe Wittwer zu zeigen. Neben großformatigen Aquarellen und Inkjets, erlaubt eine raumfüllende Suite von 77 Aquarellen Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers.

Auf den ersten Blick zeugen die Motive dieser neuen Werkgruppe von einer Idylle – von Familien- und Landleben, vom Musizieren und Schlittenfahren, vom Stolz auf die kostbare Meissener-Porzellan-Skulptur und den erlegten, kapitalen Hirsch. Doch wie so oft bei Uwe Wittwer kippt die private Idylle bei näherer Betrachtung in Unheil und Schrecken. Unter die vergnüglichen Szenen von Kindern auf Schaukelpferden mischt sich das Bild eines toten Pferdes, das erfroren im Straßengraben liegt. Die Betrachter einer Gruppe von Porzellan-Figurinen tragen Nazi-Uniform. Und die verschneiten Landschaften verlieren unvermittelt ihre romantische Unschuld, wenn wir darin einen Flüchtlingstreck erkennen. Der Bilderwelt von „Verwehung“ liegen Fotografien zugrunde, die allesamt aus Ostpreußen stammen – aus den Jahren kurz vor der Vertreibung. Einer Zeit also, in der die weitgehend ländliche Bevölkerung gesellschaftlich und wirtschaftlich dem 19. Jahrhundert näher stand als den stürmischen Entwicklungen der Weimarer Republik. Die Großeltern Uwe Wittwers lebten in Pommern und traten 1945 die entbehrungsreiche Flucht Richtung Westen an. Der Vater des Künstlers verbrachte seine Jugend auf einem landwirtschaftlichen Gut. Dennoch sind die Bilder nicht autobiografischen Ursprungs. Wittwer entnahm sie privaten Bildarchiven, die er – wie schon die Vorlagen seiner breit angelegten Werkgruppe „Camp“ – im Internet vorfand. Und wie schon bei früheren Werkgruppen, erfolgt die Umsetzung und Aneignung der Bilder in höchst unterschiedliche Medien. Ölmalerei, großformatige Aquarelle und Inkjets bedienen sich aus dem gleichen Fundus an Sujets, teilen sich zum Teil sogar die identischen Bilder – wobei Wittwer die traditionelle Hierarchie der Medien durch die Formatwahl über den Haufen wirft. Große, ja schon fast monumentale Arbeiten auf Papier stehen kleinen Leinwänden gegenüber.

Die 77 kleinformatigen Aquarelle der Installation Verwehung bilden ein „Album“, aus dem sich der Künstler für die Umsetzung in größere Formate bedient. Während dieser Umsetzung reduziert und verfremdet er die Motive – und passt sie meisterhaft den verschiedenen Techniken an.

Besonders deutlich wird der Transfer-Akt in der Negativ-Positiv-Umkehr. Bei den fünf monochrom blauen Portrait negativ – portraitiert sind stolze Mütter und ihre Töchter – verbindet sich augenfällig ein fototechnischer Vorgang mit dem überaus malerischen Gestus des Aquarellierens auf übergroße Papierformate. Die ungewöhnliche Farbwahl spielt auf das typische Meissener-Blau an – was durch die Muster der Festtagskleidung noch verstärkt wird. In den ebenfalls großformatigen, aber vielfarbigen Aquarellen mit dem Titel „Figurine“ sind Galanterien aus Porzellan dargestellt – Ausdruck bürgerlichen Sammlerstolzes. Aber in trompe-l’œil-Manier hat Wittwer Sprünge und Kratzer angebracht, die Oberflächen erscheinen unwirklich, beschädigt und vergangen.

Auch in den großen Inkjet-Arbeiten setzt Wittwer die Negativ-Positiv-Umkehr ein. Und obwohl die Motive eindeutig aus dem Ostpreußen-Album stammen, erinnern die verfremdeten Kompositionen den Betrachter an berühmte Werke der Kunstgeschichte: das Diptychon Grosse Waldtreppe lässt an die Treppen-Akte von Richter und Duchamp denken, und das Boot an Böcklins „Überfahrt zur Toteninsel“. Dass die Reiter negativ Erinnerungen an die San-Romano-Schlachtenbilder Paolo Uccellos wachrufen hängt auch damit zusammen, dass eben diese Renaissance-Werke Wittwer schon zweimal (2001 und 2007) zur Appropriation inspiriert haben. Mit dieser doppelten, gleichsam überlagerten Assoziation schließt sich ein künstlerischer Kreis, der typisch ist für Wittwers Hinterfragen des Bedeutungswandels und des Status’ von Bildern – und unserem Verhältnis zu ihnen.

Die 77 Aquarelle der Suite „Verwehung“ erscheinen Ende Januar als Künstlerbuch in limitierter und signierter Ausgabe, mit einem Text von Heinz Stahlhut. Einer Teilauflage von 33 Exemplaren liegt eine originale Inkjet-Arbeit von Uwe Wittwer bei.

Uwe Wittwer (*1954) lebt und arbeitet in Zürich. Zuletzt waren seine Werke zu sehen bei Cohan & Leslie in New York, 2008; Haunch of Venison in Zürich, 2007; P.S.1 MoMA in New York, 2006; im Kunstmuseum in Solothurn, 2005 und im Ludwig Forum in Aachen, 2005.