Matthew Weinstein

3 Pigs And 3 Fish
12. Juni – 17. Juli 2010

Die Ausstellung 3 Pigs And 3 Fish ist die erste Berliner Ausstellung des New Yorker Künstlers Matthew Weinstein – und seine zweite in Deutschland nach Universal Pictures in der Münchner Pinakothek der Moderne im Jahr 2004.

Im Zentrum der Ausstellung steht die europäische Erstpräsentation seines neuen Films „Chariots of the Gods“. Es ist die konsequente Weiterentwicklung eines höchst eigenwilligen Formats, das Weinstein selbst als „3D-animiertes Kabarett“ bezeichnet. Länger und technisch aufwendiger als die beiden Vorgänger „Siam“ und „Three Love Songs From The Bottom Of The Ocean“, steht der Monolog einer weiblichen Figur im Mittelpunkt. Diese Protagonistin ist ein ausgesprochen läutseliger, metallischer Fisch, der an einer Kette aufgehängt durch ein leeres Restaurant gleitet – und dabei über so gewichtige Themen wie Außerirdische, die Unmöglichkeit des Fortschritts oder Klima doziert. So bewegt sie sich blubbernd von Raum zu Raum, und serviert ihre verbalen Paukenschläge mit einem Lächeln. Das neue an diesem Film ist die Detailtreue, mit der Weinstein den Ort des Geschehens ausgearbeitet hat. Es ist die animierte Nachbildung von „Ernie’s Restaurant“ aus dem Thriller „Vertigo“, das Hitchcock seinerzeit nach dem Vorbild eines existierenden Restaurants aus San Francisco hatte nachbauen lassen. Das Interieur in „Chariots“ ist also die virtuelle Rekonstruktion einer Rekonstruktion.

Weinstein nennt als wichtigstes Vorbild für seine Filme Bertolt Brechts „Episches Theater“, das dieser in späteren Jahren auch „Dialektisches Theater“ nannte, da in seinem Theater ein Widerspruch zwischen Unterhaltung und Lernen entstehen sollte. Dafür setzte er auf der Bühne Lieder ein und unterbrach seine Stücke immer wieder mit Verfremdungseffekten, die das Publikum desillusionieren und zum Nachdenken bringen sollte. Auch im traditionellen Kabarett, mit seiner Mischung aus persönlichen Monologen und Gesellschaftskritik, sieht Weinstein einen Vorgänger und Verwandten seiner Animationsfilme.

Die Vorgehensweise von Weinstein ist gleich bleibend: Als erstes verfasst er ein Drehbuch und arbeitet die Eigenheiten der Charaktere heraus. Dann werden diese Charaktere mit Hilfe einer Animations-Software visuell konzipiert und entwickelt. In einem nächsten Schritt wählt der Künstler die Schauspieler aus, die die Dialoge sprechen sollen und die Musiker, die seine Liedtexte vertonen. Erst dann wird die Handlung konzeptualisiert, animiert und gerendert.

Wie schon bei „Three Love Songs“ und „Siam“ spielt auch in „Chariots of the Gods“ die Musik eine entscheidende Rolle. Für „Siam“ hatte die israelische Band Balkan Beat Box seine Texte vertont. Für seinen letzten Film nun, hat er mit dem New Yorker DJ und Elektromusik-Komponisten Adultnapper zusammengearbeitet. Dabei spiegelt die Musik, wie schon bei „Three Love Songs“ zwar die Handlung, ist dabei aber keineswegs veranschaulichend.

Weinsteins aufwendige Gemälde, von denen wir sechs ausstellen, haben ihren Ursprung in den digitalen Welten seiner „animierten Kabaretts“. Ausgeführt auf Leinwand mit Hilfe von Präzisions-Sprühpistolen und feinsten Pinseln beschwören sie die erfundenen Milieus seiner Filme herauf. Weinstein kennt keine Hierarchie der Techniken in denen er Werke schafft. Die Gemälde sind nicht Nebenprodukte oder Dokumentationen seiner Filme, sondern durchaus eigenständige Kunstwerke. Er analysiert die Ergebnisse seiner software-generierten Animation, untersucht bis ins Detail die Oberflächen- und Reflektionseigenschaften der Bilder – und setzt die Erkenntnisse ins Malerische um. Die Gemälde sind also Abstraktionen einer Realität, die wiederum auf der Abstraktion einer Realität basieren. Sie sind Ausdruck von Weinsteins Interesse am allgemeinen Trend der westlichen Kultur, die Grenzen zwischen Realität und Künstlichkeit und zwischen Information und Unterhaltung zu verwischen. Mit der Umsetzung von binären Daten mittels der uralten Technik der Malerei schafft der Künstler eine Art „künstlerischer Möbiusschleife“. Er malt in realistischer Weise, ohne dabei seine Bilder auf Photographien oder die Betrachtungen der existierenden Welt basieren zu müssen.

Im Gemälde „Allegory“ nimmt ein diebisches Schwein einem anderen Schwein das Geld ab, während ein Schweine-Polizist zuguckt. Als Kulisse dient eine kupferfarbene Stadt, die Farbe des Kleingelds. Dieser Szenerie werden wir in Weinsteins nächstem Film begegnen, „The Childhood of Bertolt Brecht“, der im Laufe dieses Jahres fertig gestellt werden soll. Die Bilder „Artichoke“ und „Big Cheesy Moon“ basieren auf den Charakteren und Sets von „Chariots of the Gods“, während „Tiny Bubbles“ und „Two Ships“ aus der künstlichen Welt von „Siam“ stammen. Die Komposition von „Green Branches“ beruht auf einem Ikebana-Arrangement: aus den Ästen sprießen papierene Cocktail-Schirmchen und darum herum hängen - wie kleine Lupen oder Reflektoren - Medaillons aus Glas. Dieses Gemälde hat wiederum einen kleinen Auftritt im Hintergrund von „Artichoke“, davor ein gemaltes Ikebana-Arrangement, das aus einem Gemälde von 2006 stammt...

Auf Englisch bedeutet „reflection“ – ein zentraler Begriff für Weinstein – sowohl „Spiegelung“ als auch „Betrachtung“ oder „Überlegung“. So wie sich in seinen Filmen die Charaktere häufig in ihrer Umgebung reflektieren, malt er in seinen Bildern gerne Spiegel, Seifenblasen, Glassmedaillons und Hochglanzböden. Eine Spiegelwirkung besteht wiederum zwischen seinen Filmen und den gemalten Bildern. Eine besondere Form der Reflektion, der Schattenwurf, beherrscht oft den Hintergrund seiner Bilder. Es sind diese scharfgeschnittenen, wie von Bühnenlichtern geworfenen Schatten, die den Schluss zulassen, dass diese Filme und Bilder für ein Theaterpublikum geschaffen wurden und wir einer gespiegelten Vorführung als Zuschauer beiwohnen.