Peter Saul

Sheer Terror
13. März – 24. April 2010

Die Ausstellung „Peter Saul: Sheer Terror” – zehn großformatige Gemälde und eine Auswahl von Werken auf Papier – gibt Aufschluss über das Schaffen des 75-jährigen „Provokateurs vom Dienst” im vergangenen Jahrzehnt. Sein ungebrochener Einfluss sowohl auf jüngere als auch etablierte Künstlerkollegen weisen Saul als einen der wichtigsten Maler der amerikanischen Nachkriegskunst aus. Für ihn ist kein Tabu zu groß, keine Persönlichkeit zu respekterheischend, als dass er sie nicht zum Thema seiner polemischen und gewalttätigen Bilder machen würde. Doch trotz der grellen und ätzenden Natur seiner Kunst, ist Peter Saul ein zurückhaltender, nachdenklicher und mitfühlender Mensch. Als Lieblingskünstler und Vorbilder nennt er Caillebotte, Cadmus, Ensor und Beckmann. Er ist ein unermüdlicher Museums- und Ausstellungsbesucher und ein aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens. Immer wieder überrascht er die Besucher seiner Ausstellungen mit Bildern von fast tagesaktueller Qualität. So fand die jüngste Finanzkrise bereits Ende 2008 ihren Niederschlag in Sauls Gemälden.

Die Jahre 1956 bis 1964 verbrachte Peter Saul in Europa – eine Zeit also, die vom Aufstieg des amerikanischen Abstrakten Expressionismus zur beherrschenden Schule geprägt war und in der New York zum Zentrum der Kunstwelt wurde. Seine Bilder dieser Jahre lassen sich keiner Schule zuordnen – weder dem europäischen „Informell“ noch der „New York School”. Sie waren expressiv und gegenständlich zugleich und enthielten Motive, die damals als eindeutig „unkünstlerisch“ erscheinen mussten: Kühlboxen, Autos, Toiletten und Donald Duck. Aus heutiger Sicht lässt sich feststellen, dass Peter Saul mit diesen frühen Werken die Pop Art vorweg nahm. In den späten 50er-Jahren befreundete er in Paris den großen Surrealisten und Abstrakten Expressionisten Roberto Matta und feierte erste Erfolge am „Salon de jeune peinture“. 1961 erfolgen die ersten Einzelausstellungen in New York und Chicago.

Nach seiner Rückkehr nach Amerika im Jahr 1964 ändert sich sein Stil: Er gibt die expressiven Elemente auf und malt vermehrt gegenständlich und mit scharfen Konturen. Chaotisch wirkende Kompositionen mit deformierten Körpern in leuchtenden, psychedelischen Farben schockierten ein Publikum, das sich eben erst mit der kühlen Oberflächlichkeit von Warhol angefreundet hatte. Dieser aufgeladene Cartoon-Stil diente dem Künstler in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren den Riss zu kommentieren, der sich als Folge des Vietnamkriegs und der Bürgerrechtsbewegung durch die amerikanische Gesellschaft zog.

Doch neben dem zornigen, harschen Peter Saul dieser politischen Bilder gab es stets auch den Humoristen, der die „Celebrities“ – die freiwilligen und die unfreiwilligen – aufs Korn nahm. Von der Atomspionin Ethel Rosenberg zum Footballstar O. J. Simpson und vom Präsidenten Ronald Reagan zum Finanzbetrüger Bernie Madoff – das Oeuvre von Peter Saul lässt sich als eine große, bebilderte „Gesellschaftgeschichte“ sehen. Natürlich ist auch die Kunstgeschichte ein gefundenes Fressen für Saul. Im Bild „Francis Bacon descending a Staircase“ (1979) erwischt er gleich zwei heilige Kühe mit einem Schlag. Der riesigen Bedeutung der Portraitmalerei in der westlichen Kunst bewußt, persifliert Peter Saul dieses Genre mit Bildern wie „Cold Sweat“ (1999) und „Stuck“ (2007). Historienbilder sind ein anderes Lieblingsgenre des Künstlers. In „Sardanapalus“ (2005) bezieht er sich auf ein berühmtes Gemälde Delacroix’ von 1827, zeigt aber die Szenerie 20 Minuten nach dem Selbstmord des assyrischen Königs. „Stalin + Mao“ von 2009 zeigt die beiden Machtmenschen als Superheld-Duo, während das 2006 entstandene „Chinese Business Man Lands on Wall Street“ den Aufstieg von China zum wirtschaftlichen Superplayer spöttisch thematisiert.

Mit 75 Jahren entwickelt und verändert Peter Saul immer noch seinen Stil und seine Technik. Bilder wie „Viva la Difference“ (2008), „Death by Champagne Cork“, „Manz Best Friend“ und „It’s Not Cancer“ (alle 2009), zeigen einen junggebliebenen Künstler bei der Annäherung an die Condition humaine. Alle erwähnten Bilder sind in unserer Ausstellung zu sehen (mit Ausnahme von „Francis Bacon...“).

Im Jahr 2008 widmeten drei amerikanische Institutionen – das Orange County Museum of Art in Newport Beach, das Contemporary Art Center in New Orleans und die Pennsylvania Academy of Fine Art in Philadelphia – dem Künstler eine umfassende und viel beachtete Retrospektive. Werke von Peter Saul befinden sich in den Sammlungen zahlreicher Museen, darunter das Centre George Pompidou in Paris, das Museum of Modern Art und das Whitney Museum in New York und das Art Institute in Chicago. Peter Saul lebt und arbeitet zurzeit in New York.