Sandra Vásquez de la Horra

Tu pelo es mi bandera
1. Mai – 5. Juni 2010

Nolan Judin Berlin freut sich, Tu pelo es mi bandera, die erste Ausstellung von Sandra Vásquez de la Horra in Berlin präsentieren zu können. Zu über 60 neuen Werken, die seit Beginn dieses Jahres entstanden sind, gesellen sich 13 Werke aus den Jahren 2007 bis 2009.

Sandra Vásquez de la Horra, 1967 in der Nähe der chilenischen Großstadt Valparaíso geboren, ist sechs Jahre alt, als sich Augusto Pinochet an die Macht putscht, um Chile für 17 blutige Jahre als Diktator zu beherrschen. Auf Anraten eines Psychologen bewirbt sich das unangepasste, aber sehr belesene und hochintelligente Mädchen im Alter von nur zwölf Jahren um einen Studienplatz an der Akademie der Schönen Künste – und wird zugelassen. Sandra Vásquez de la Horra macht sehr bald mit der Protestbewegung Bekanntschaft und nimmt an Studentendemonstrationen teil. Mit 19 zieht sie in die Hauptstadt und schließt sich der Künstler- und Studentenvereinigung Chile Crea an, die für Demokratie kämpft. In dieser Zeit vertieft sich die junge Künstlerin in das Studium der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur, aber auch der Weltliteratur, von Rimbaud bis Kerouac. Sie beschäftigt sich mit den Religionen und Philosophien verschiedenster Kulturen – und widmet sich mit anthropologischem Interesse den südamerikanischen Mythen und Volksmärchen und entdeckt ihre Leidenschaft für Typografie. 1995 studiert Sandra Vásquez de la Horra für ein Jahr an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Jannis Kounellis als Gasthörerin, kehrt aber nach Chile zurück. Vier Jahre später nimmt sie ihr Studium in Düsseldorf wieder auf – diesmal bei Rosemarie Trockel – und lebt seither ohne Unterbrechung in Deutschland.

Sandra Vásquez de la Horra ist in erster Linie eine Zeichnerin. Sie hat zwar auch immer wieder plastische Arbeiten hervorgebracht, aber der vergleichsweise kurze Weg vom Gedanken zum Papier hat sich für sie als das geeignete Medium erwiesen, um ein seltsam vertrautes und zugleich skurriles Universum sichtbar zu machen. Die Zeichnungen, durchwegs in moderaten Formaten gehalten, sind nicht im klassischen Sinn „schön“, geben dafür viel von der Persönlichkeit der Künstlerin preis. Sie thematisieren Ängste, visualisieren (Alp-)Träume, geben Erinnerungen wieder. Auffallend ist die Dominanz der weiblichen Figur als Motiv – deutlich mehr als die Hälfte ihrer Zeichnungen sind von Frauengestalten bevölkert: Mütter, Nonnen, Heilige, Verführerinnen, Gefangene, Verdammte. Sie sind Objekte der Begierde, aber auch Begehrende. Sie sind zutiefst katholisch oder zutiefst heidnisch, strahlen aber in jedem Fall eine derbe Sexualität aus. Die zahlenmäßig unterlegenen Männerfiguren sind Militärs, Clowns, Erigierte, Gehängte, kleine Jungen – oder Christus. Auffallend ist, dass die Figuren meistens auf dem Blatt zu schweben scheinen, keinem perspektivischen Raum zuzuordnen sind. Dafür fixieren sie häufig den Betrachter mit ihrem Blick, strahlen einen gewissen Voyeurismus aus – um sich dann einer schnellen Interpretation dennoch zu verschließen. Ein prägendes Element in den Zeichnungen von Sandra Vásquez de la Horra ist die Typografie. Die Künstlerin stellt Worte oft in den Vordergrund, sodass sie das Motiv bestimmen und zum eigentlichen Sujet werden. Oder sie verteilt sie ohne Sorge um die grammatikalische Richtigkeit über das ganze Blatt. Sie verwendet meistens Spanisch, aber auch Englisch und gelegentlich Deutsch. Manchmal mischt sie alle drei Sprachen in einem einzigen Satz – was den Werken eine dadaistische Note verleiht. In der Regel verstärken die Worte die Rätselhaftigkeit mehr, als dass sie das Gezeichnete erläutern.

Nach dem Zeichnen – in der Regel nur mit Bleistift, ganz selten auch mit Farbe – taucht die Künstlerin das Papier in ein Wachsbad. Diese ungewöhnliche Vorgehensweise verleiht den Werken eine seltsame Materialität und dem Strich eine leichte Unschärfe. Das die Zeichnung versiegelnde Wachs erzeugt eine Patina, die Werke wirken zeitlos. Sandra Vásquez de la Horra verwendet altes, bereits gebrauchtes Papier, das sie gerne auf Flohmärkten auftreibt. Die Behandlung mit Wachs vereinheitlicht die Papiere bis zu einem gewissen Grad und führt den Betrachter zurück zur Konzentration auf das Dargestellte.

Nach Ausstellungen im Center Pompidou in Paris und dem Museum Kunst Palast in Düsseldorf, ist ab Juli im Bonefantenmuseum in Maastricht die bisher umfangreichste Werkschau Sandra Vásquez de la Horras zu sehen. Anfang Juni erscheint bei Hatje Cantz eine großformatige und ausführliche Monographie. Die Künstlerin ist in zahlreichen wichtigen Museums- und Privatsammlungen vertreten.