Martin Kippenberger

Mut zum Druck
5. März – 9. April 2011

Zwischen 1977 und 1997 hat Martin Kippenberger 178 Plakate geschaffen, wofür längst nicht nur die Ankündigung seiner eigenen Ausstellungen Anlass war. Vielmehr scheint er kaum eine Gelegenheit ausgelassen zu haben, um mit einer spontanen Idee das Druckatelier aufzusuchen: Konzerte, Parties, Lesungen oder ganz einfach ein Geburtstag waren dem für seine ausgeprägte Geselligkeit bekannten Künstler Grund genug, sich dieses Mediums zu bedienen. Auch befreundete Künstler – von Albert Oehlen bis Jeff Koons – hat er eingespannt, um sein sportliches Ziel, „Picasso übertreffen“, zu erreichen.

Unsere Ausstellung ermöglicht ein Wiedersehen mit den 121 Plakaten der fünf legendären, zwischen 1986 und 1994 in Kleinstauflage erschienenen Mappen. Im umfangreichen und äußerst vielseitigen Gesamtwerk, das Martin Kippenberger bei seinem frühen Tod 1997 hinterließ, nehmen die Plakate nicht nur quantitativ eine besondere Rolle ein. Das notorische enfant terrible sah in ihnen die Möglichkeit, seine überbordenden Einfälle, Provokationen, Respektlosigkeiten und Liebesbezeugungen auch außerhalb der elitären Museums- und Galeriewelt zu verbreiten. Denn „Museum ist Altertumsquatsch“, ließ er einmal verlauten, und zusammen mit seinen Künstlerbüchern, seinen Aktionen vor (mehr oder minder) großem Publikum und Vorlesungen erlaubten ihm die Plakate, sein Publikum ohne die Vermittlung durch Institutionen anzusprechen.

Im Plakat, dem Medium der Selbstanpreisung schlechthin, fusionierte auf das Wunderbarste „Kippenberger der Selbstdarsteller“ mit „Kippenberger dem Bürgerschreck“: Keine Absurdität, keine Peinlichkeit, kein Tabubruch wird dem Betrachter erspart. Wie in seinen Gemälden und Skulpturen verletzte er bewusst und genussvoll sämtliche Regeln, stieß sein Publikum mit Banalitäten und Plumpheiten vor den Kopf – um es mit seinem umwerfenden Sprachwitz gleich wieder für sich einzunehmen. Seine legendären Kalauer („Ich geh’ jetzt in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald“), Ausstellungstitel („Gib mir das Sommerloch“) und Werktitel („Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“) zeugen von sorglosem Humor, aber auch von spöttisch-ernsthafter Hinterfragung.

Für den genialischen Autodidakten Kippenberger war Kunst egalitär und somit auch politisch und durchaus ernst. Diese Ernsthaftigkeit erkennt man auf den zweiten Blick auch in seinem Umgang mit dem Medium Plakat. Er kennt sich in den Regeln der Gattung aus und wendet sie professionell an. Mit den Erwartungen, die der Betrachter in dieses Medium setzt, spielt er virtuos. Manchmal bedient er sich einer durchaus plakativen Gestaltung, setzt mit attraktiven Bildmotiven und klassischer Typographie auf Fernwirkung. Dann wieder setzt er auf ein kleinteiliges Layout, das an eine Anzeige erinnert und ein Nähertreten erfordert. Fast allen Plakaten ist gemeinsam, dass flotte Sprüche und freche Anspielungen zum Lesen und eingehenden Betrachten animieren.

Das große wiederkehrende Motiv von Kippenbergers Plakaten ist der Künstler selbst. Von Schnappschüssen bis zu sorgfältig inszenierten Portraits zeigen die Bilder ihn mal als frechen Flitzer, mal als bierbäuchigen Urlauber. Mit Selbstironie und Spott über die bürgerliche Vorstellung von Würde und Selbstrespekt gelingt es Kippenberger, trotz aller polternden Peinlichkeiten mit spürbarem Selbstbewusstsein und großer Sensibilität sein Publikum für sich einzunehmen.