Ian Hamilton Finlay

Inter artes et naturam
17. November 2012 – 12. Januar 2013

Die erste Ausstellung in eigenen Räumen, damals noch an der Heidestrasse, widmete Nolan Judin 2008 dem schottischen Dichter, Künstler und Moralisten Ian Hamilton Finlay, der zwei Jahre zuvor verstorben war. Wir freuen uns außerordentlich, nun auch in den neuen Räumlichkeiten an der Potsdamer Straße einige bedeutende Werke Finlays ausstellen zu können. Der Titel der Ausstellung, Inter artes et naturam, bezieht sich auf ein bekanntes Wandgemälde von Pierre Puvis de Chavannes aus den Jahren 1888-91. Finlays künstlerische Auseinandersetzung mit der Wechselbeziehung zwischen Natur und Kultur zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Sie setzt bei den Vorsokratikern ein und führt über Rousseaus Naturidealismus, der Französischen Revolution und dem Neoklassizismus über das „Dritte Reich“ bis zur Gegenwart.

Erste Bekanntheit erlangte Ian Hamilton Finlay in den frühen Sechziger-Jahren, als Verfasser von „Konkreter Poesie“. Die typografische Anordnung der Buchstaben und Worte waren dem Dichter ebenso wichtig wie die traditionellen Elemente Inhalt, Rhythmus, Reim - wodurch seine Entwicklung zum Bildenden Künstler vorgezeichnet war. Neben seinen Experimenten mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache wurde schon früh die Auseinandersetzung mit der Natur zum zweiten großen Thema Finlays. Ende der Sechziger-Jahre begann er sich seinem Hauptwerk Little Sparta zu widmen - einem „Dichtergarten“ in den Pentland Hills nahe von Edinburgh. Dieses ungewöhnliche Gesamtkunstwerk ist eine Mischung aus traditioneller englischer Landschaftsarchitektur, avantgardistischer Kunst und Poesie - erfüllt von Witz, Ironie und einer gewissen Respektlosigkeit gegenüber den Konventionen der Moderne.

Im Laufe von 30 Jahren hat Finlay aber auch außerhalb dieses Gartens ein komplexes und grenzüberschreitendes Œuvre geschaffen, in dessen Zentrum die Arbeit an und mit der Sprache steht. Es gibt keine Hierarchie der Themen oder der verwendeten Techniken und Materialien. Was alle Werke verbindet ist die eindringliche Weise, in der er sprachliche Reduktion mit optischer Prägnanz zu verbinden vermag. Einige seiner erfolgreichsten Schöpfungen beruhen auf der Wirkung eines einzigen Wortes oder der stufenweisen Ab- und Umwandlung eines einzelnen Gegenstandes.

Im Zentrum unserer Ausstellung stehen mehrere direkt auf die Wand gemalte Werke. Das größte, SF (1978/2005), zeigt in acht Stufen die Mutation von zwei „s“ - geschrieben in der altdeutschen Kurrentschrift, was sie wie zwei kleine „f“ aussehen lässt - in das bekannte Doppelblitz-Emblem der SS. Die Entwicklung des Schriftbilds entpuppt sich hier als eine Weiterführung - oder als ein Abstieg - aus dem kultivierten und aufklärerischen 18. Jahrhundert, in dem die Kurrentschrift verwendet wurde, in die Verwilderung des Dritten Reiches. Mit seinem „Normalschrifterlass“ von 1941 hatte Hitler die sogenannten „gebrochenen Schriftarten“ (z.B. die Sütterlinschrift) abgeschafft. Dennoch ist in der Wahrnehmung vieler die alte Frakturschrift geradezu die Versinnbildlichung des „Dritten Reiches“. Finlay geht es in SF um die Wechselbeziehung zwischen Natur und Kultur: Zuviel Kultur zerstört die Natur, lässt man aber der Natur ihren Willen, bricht zwangsläufig das Wilde und „Unmenschliche“ durch - wofür hier die SS steht. In der Wandmalerei 3 Banners (1990-92) verwandelt sich die geschwungene Klinge einer Sense in einen Donnerkeil. Inspiriert wurde Finlay zu dieser Darstellung durch einen Text des deutschen Bußpredigers Abraham a Santa Clara (1644-1709), in dem dieser den Sensemann als „Blitz“ bezeichnet, der unterschiedslos in die einfache Strohhütte oder den Palast einschlägt. Verwandt mit dieser Arbeit ist die Objekt-Skulptur Sickle/Lightning Flash (1990): vier Sicheln deren Klinge sich zu einem Blitz verformt. Der rare Siebdruck Birken (1996) beruht auf einem der bekannten Bilder vom Nürnberger Parteitag im Jahr 1936. Die Lichtbalken der Flakscheinwerfer erscheinen wie Baumstämme und darunter zitiert Finlay das Gedicht „Es blüht der Lenz...“ von Heinrich Heine, in dem sich dieser auf ironische Art gegen Geisteszwang und Zensur wendet.

Die Versatzstücke aus Krieg und Nationalsozialismus, die in Finlays Werken immer wieder auftauchen, haben seine Bewunderer gelegentlich irritiert und seine Kritiker stets provoziert. Die Auseinandersetzung eines Künstlers mit dem Nationalsozialismus gerät fast zwangsläufig zur Gratwanderung zwischen Ästhetisierung und Dämonisierung. Letzteres führt dazu, dass die von den Nazis begangenen Verbrechen als außerhalb der menschlichen Norm stehend gesehen werden - was unseren Glauben an das Gute im Menschen intakt lässt. Dieser beruhigenden Betrachtungsweise verweigerte sich Finlay. Seine Beschäftigung mit Krieg ist keine Glorifizierung der Gewalt, sondern eine bewusste Konfrontation von Gewalt und Idylle. In vielen seiner Werke hat er ihre Gleichzeitigkeit zum Naturprinzip erhoben und geht der Frage nach, ob sich die Natur nicht in einem permanenten Kriegszustand befindet.

Die Ausstellung Inter artes et naturam präsentiert fünf Wandmalereien (ausgeführt vom Schriftenmaler Les Edge, einem langjährigen Finlay-Mitarbeiter), eine Skulptur und neun Druckgrafiken. Sie ist bis zum 12. Januar zu sehen. Fast zeitgleich ehrt die Tate Britain Ian Hamilton Finlay mit der Eröffnung einer Ausstellung in den Duveen Galleries. Gezeigt werden 24 Werke aus der Sammlung des Museums. Werke von Finlay werden auch mit grossen Erfolg an der diesjährigen Biennale von São Paulo gezeigt (noch bis Dezember).