Alisa Margolis

The Disappearance
8. März – 19. April 2014

Die 12 Gemälde in The Disappearance, Alisa Margolis’ erster Ausstellung in der Galerie Judin, sind weitgehend neuere Arbeiten. Dennoch verweisen sie auf zurückliegende Schlüsselmomente in ihrer künstlerischen Entwicklung. Ein überwiegender Teil der ausgestellten Arbeiten ist vermittels Übermalung entstanden. Hierfür schafft Margolis abstrakte, oftmals auch schwarze Hintergründe oder sie nimmt zuvor verworfene Bilder, die jeweils als Ausgangsbasis verwendet werden für die Auftragung ausdrucksstarker, farbintensiver Pinselstriche, die sich einander annähern, dabei aber stets in einer liminalen Zone, entlang der Grenzen hin zum Figurativen verbleiben. Fleischfarbene Töne scheinen eine Körpergestalt wiederzugeben, graue Schwaden ähneln der Mähne eines Pferdes. Aber diese Erscheinungen sind nur auf das Wesentliche reduzierte Vorschläge einer Form. Die ausgestellten Arbeiten machen einen subtilen, aber signifikanten Paradigmenwechsel deutlich. Sie unterscheiden sich von den früheren Serien, in denen der schwarze Hintergrund von den vier Kanten der Leinwand aus ins Bild zu sickern schien, um nach und nach die lebendigen Farben unter sich zu begraben.

Margolis’ Malereien basieren auf einem Fundus gefundener Sujets: Blumenstillleben, Bilder des Barock, niederländischen Malerei, Ikonen der Glam-Rock- und Heavy-Metall-Szene, Modeanzeigen, Satellitenfotos entfernter Galaxien, Cheerleader - sie liegen als Digitalausdrucke auf dem Atelierboden verstreut. Diese Motive haben einerseits etwas sehr Banales, sie entsprechen aber dem Umgang der Künstlerin mit ihren Hauptthemen. Margolis könnte diesen Bildern mit der typischen Haltung der „Generation X“ begegnen, mit einer starken Dosis Ironie. Das allerdings entspricht nicht ihrer Sichtweise. Sie nimmt diese gefundenen Bilder ernst und macht sie mit einer fast religiösen Hingabe zu ihren eigenen.

Tatsächlich ist Transzendenz, verstanden als jene Macht, die gerade aus der wiederholten Erfahrung von Machtlosigkeit erwächst, zentral für ihre Praxis. Zugleich ist ihre Arbeit nicht als Abhandlung über Gott oder das Heilige zu verstehen. Ihre Bilder sind allenfalls zeitgenössische Analogien zur Religiosität ihrer Vorgänger, die sie mit kunsthistorischen Methoden neu aufbereitet, um zu Ergebnisse zu kommen, die in ihrem Inhalt zeitgemäß sind und zugleich zeitlos in ihrer Form.

1975 in der ehemaligen Sowjetunion geboren, ist Margolis im Alter von vier Jahren mit ihrer Familie nach New York ausgewandert. Obwohl sich ihre Kunst vor allem auf westeuropäische und amerikanische Traditionen bezieht, scheinen ihre sowjetischen Wurzeln durch. Florale Motive und aufwendige Details erinnern an die Servierplatten aus Emaille und andere handwerkliche Gegenstände in der russischen Tradition. Margolis’ Interesse an der Wiedergabe dieser Motive - und oftmals an ihrer programmatischen Dekonstruktion – hat sie an Werken von heute oftmals vergessenen sowjetischen Künstler-Emigranten geschult. Diese Auseinandersetzung während der prägenden Ausbildungsjahre führte zu einer präzisen Beherrschung des Pinsels. Auch eine Affinität für den Abstrakten Expressionismus entstand in dieser Zeit - Pollocks Einfluss ist in den Bildern dieser Ausstellung offensichtlich, auch wenn die gemalten Oberflächen glatt sind. Von Pollock übernahm Margolis zum Beispiel die Technik des Malens auf dem Boden. Aber Rubens und andere Meister des 17. Jahrhunderts kommen ihren ästhetischen Vorlieben dennoch bedeutend näher.

Nach ihrem Abschluss an der Columbia University in New York im Jahr 2001 wechselte Margolis als artist-in-residence ans De Ateliers in Amsterdam, wo ihr Interesse an der niederländischen Malerei erneut entfacht wurde. Sie löste sich von den bisherigen Bildmotiven, bei denen es um Cheerleader ging und um die Alpträume des Collegelebens, und fing an, monumentale Blumen-Leinwände von bis zu drei Metern Größe zu malen. Ihre Arbeiten sind seitdem groß geblieben und sprechen den Betrachter fast immer in einem lebensgroßen Maßstab an. Sie nehmen ihn durch ihre beinahe narrativen Kompositionen ein, die sich immer gerade dann auflösen, wenn man meint, die Arbeit verstanden zu haben. Weitere Minuten der erneuten Kontemplation folgen.

Ihre sogenannten Bouquet-Arbeiten dominieren The Disappearance mit ihren farbexplosiven floralen Motiven, die sich bei Annäherung in reine Abstraktion auflösen. Einerseits stellen sie in ihrer Expressivität eine Hommage an das Vokabular der gestischen Abstraktion der Moderne dar. Zugleich liegt es nahe, hier bereits den nächsten Schritt in der künstlerischen Entwicklung Margolis’ zu sehen. Dieser beginnt skurrilerweise mit im Internet gefundenen Bildern von Konzerten der Heavy-Metal-Band „Kiss“. Ihre Absicht, eine Kathedrale für unsere Zeit zu bauen, führte Margolis zu den Fan-Magazinen und Groupie-Websites, die die Band begleiten. Sie war fasziniert sowohl von dem Kitsch – den blinkenden bunten Lichtern, den bemalten Gesichtern der Bandmitglieder, die an hochgezogenen Seilen durch die Luft fliegen, die düstere, kreischende Musik - als auch von der zuverlässigen Kalkulierbarkeit dieses Spektakels. Jedes Konzert, das sie sah, ob es aus den 70ern oder den 00er Jahren war, stellte eine nahezu identische Wiederholung dieses Aktes dar.

Die Band selbst - und andere bewährte Anlaufstellen der Pop-Kultur, wie der Sänger Axl Rose – sind nur beiläufige Erscheinungen in Margolis’ Gemälden. Die Komposition einer geisterhaften Silhouette mag einer Pose des frontman von „Kiss“ ähneln, Bühnenlichter scheinen die Bildoberfläche fast abzutasten. Zugleich haben sich die Methodik und die Effekte der Band tief in das Gewebe von Margolis’ Kunst eingewebt. Ihre Bilder verlassen sich auf die beruhigende oder Erinnerungen aufrüttelnde Wirkungskraft dieser zeitgenössischen Form von Weihrauch und Glockengeläut. Sie stoßen eine konservative Regung an, die Hoffnung nämlich, dass trotz unserer Fülle an Wissen in einer immer digitaler werdenden Welt, Wunder und Glaube in diesen einfachen Momenten des Spektakels bewahrt bleiben - ob in übernatürlichen oder wissenschaftlichen Zusammenhängen, in der Rockmusik oder in der Kunst. A.F.