Christoph Hänsli

Stollen X
15. November 2014 – 10. Januar 2015

Der Schriftsteller John Berger erklärte vor einigen Jahren das Geheimnis der Bilder von Christoph Hänsli damit, dass sie unvergesslich seien, obwohl es auf ihnen kein offenkundiges Drama gebe: „(...) vielmehr ist ihr Drama, das in jedem Quadratzentimeter gegenwärtig ist, ein unsichtbares“. Damit spricht er das Phänomen an, dass in den Bildern Hänslis das Spektakuläre durch wahrnehmbare Abwesenheit glänzt. Selbst wenn er eine ganze Mortadella in Scheiben schneiden lässt und diese anschließend von beiden Seiten in Öl und Acryl portraitiert, befriedigen die resultierenden 332 Gemälde unser Sehnen nach Ordnung und Vollständigkeit, statt der Effekthascherei zu dienen. Christoph Hänsli malt seit einigen Jahren unscheinbare und vom Verschwinden bedrohte Alltagsgegenstände und -einrichtungen und scheut dabei keinen malerischen Aufwand. Auch wenn sich in seiner lakonischen Kunst Anklänge an den Surrealismus und die Pop Art, an Domenico Gnoli und Konrad Klapheck finden lassen, ist sie letzten Endes der Konzeptkunst verpflichtet. Dafür spricht auch, dass er in seiner handwerklich stupenden Maltechnik auf jeglichen persönlichen Gestus verzichtet und in der Regel seine alltäglichen Sujets in Lebensgröße wiedergibt. Mit dieser „Entkünstlichung“ ermöglicht er dem Betrachter einen persönlichen und von den eigenen Erinnerungen geprägten Zugang zum dargestellten Objekt.

Einige Gemälde der Ausstellung „Stollen X“, Hänslis zweiter Einzelausstellung in der Galerie Judin, erlauben ein Wiedersehen mit den Themen früherer Werke. Stets betont der Künstler, dass er seine Sujets nicht sucht. Nach einer Zufallsbegegnung nehmen sie ihn in eine Art gedankliche Geiselhaft, die manchmal mehrere Jahre dauert, bevor er sie malt. Manchmal glückt diese Befreiung auch nicht vollkommen – und er kehrt eben zu alten Sujets zurück. Man könnte schon fast von einem künstlerischen „Stockholm-Syndrom“ sprechen. Hänsli drückt es anders aus: „Das Leben ist nicht linear. Alles hat mit allem zu tun – nichts ist abgeschlossen.“

Das größte Bild der Ausstellung heißt lapidar Ofen Krematorium Nordheim (2012) und zeigt die Außenverkleidung eines modernen Ofens mit der Öffnung zur Brennkammer. Die Form dieser Öffnung (die an ein Mausloch aus Trickfilmen erinnert) und das undurchdringliche Schwarz verweigern die Aussage zur Frage, ob sie gerade offen oder zu ist – und bringt das kleine Schalter-Bild „Türe auf/Türe zu“ aus unserer letzten Hänsli-Ausstellung in Erinnerung. Was den Künstler an der Ansicht dieses Ofens fasziniert, ist dessen ausgesprochene Flächigkeit, die nur durch feine Fugen zwischen den Platten und winzige Schrauben unterbrochen wird. Durch seine subtile Maltechnik schreibt Hänsli dieser Fläche eine Sinnlichkeit ein, die erst bei näherer Betrachtung erfahrbar wird. Aus Distanz betrachtet, dominiert der abstrakte Aspekt des Bildes, der durch die Reduktion der Farben noch verstärkt wird. Doch so wie bei den zweifarbigen Mortadella-Bildern die fein gemalten Pfefferkörner die Gegenständlichkeit erkennbar machen, dienen hier die Schrauben als der entscheidende Hinweis. Hänslis offenkundiges Interesse an der Sepulkralkultur hat übrigens einen biografischen Hintergrund: vor einigen Jahren amtete er übergangsweise für die Stadt Zürich als „Fachperson für Friedhof- und Grabmalkultur“.

Ein weiteres Großformat, L’armoire dans la remise (2012), zeugt von Hänslis ausgeprägtem Interesse an Dingen, die Ordnung versprechen. Der Vorlage für dieses Bild begegnete er im Haus des eingangs zitierten John Berger. In den aufgeschichteten und feinsäuberlich angeschriebenen Schachteln lagern Belegsexemplare der zahlreichen Werke dieses Publizisten – ein ungeheures Kondensat von Gedanken und Worten. Mit Ohne Titel (Tablare) (2012) geht Hänsli noch einen Schritt weiter: in diesem aus der Zentralperspektive gemalten Bild fehlt der geordnete Inhalt – wir blicken in ein leeres, sehr gewöhnliches Holzgestell, das der Künstler bei seinem Nachbarn, einem Atomphysiker, entdeckte. Dieser – offenbar ordnungsliebend – hatte Angesammeltes in identischen Weinkartons abgelegt, die Hänsli in der ersten Fassung dieses Bildes auch wahrheitsgetreu wiedergegeben hatte. Doch die Regelmäßigkeit der Vertikalen und Horizontalen dieser Schachteln befriedigten ihn nicht, und so übermalte er versuchsweise eine nach der anderen. Hänsli stellt das Gestell nicht in seiner Umgebung dar – seine äußeren Umrisse sind identisch mit dem Bildrand, wodurch eine Verortung unmöglich und das Objekt auf seine Funktion reduziert wird. Tablare, das Bild eines leeren Gestells, steht für die „Erinnerung an den Versuch von Ordnung“– eine Formulierung, die man von Hänsli des Öftern hört. Man darf an dieser Stelle aber auch Oscar Wilde zitieren: „Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare“.

Immer wieder haben Schilder und Beschriftungen im öffentlichen Raum Hänsli zu kleinformatigen und hintersinnigen Bildern inspiriert. Maria hat geholfen (2013) beruht auf einem gestickten Votivbild, das der Künstler auf einer Wanderung durch die Innerschweiz in einer Pilgerkapelle entdeckte. Ihn fasziniert nicht nur die seltsame, volkskunsthafte Magie dieser Ex-voto-Bilder, sondern auch die unverblümte Darstellung der menschlichen Hilfsbedürftigkeit. Reizvoll auch der Bild-im-Bild-im-Bild-Aspekt, denn vermutlich bediente sich bereits die Stickerin einer gezeichneten Vorlage. In die Kategorie der „absurden Beschriftungen“ (Hänsli) gehört Beratung (2013). Die implizierte Verheißung, dass man beraten werde, wenn man dem Pfeil folgt, entpuppt sich erfahrungsgemäß fast immer als leere Behauptung. Schilder wie dieses sind meist die ersten Scharmützel – noch bevor man dem Beamten gegenübersitzt – im aussichtlosen Kampf gegen die Bürokratie. Dagegen ist No Way Back (2014) von geradezu entwaffnender Explizitheit. Wie wir alle, ist Hänsli dieser Mitteilung im Transitbereich eines Flughafens begegnet – als Drohung oder Versprechen, je nach den Umständen der Einreise. Dieser zynische Charakter geht dem Bild All Off (2014) zum Glück ab. Der Künstler entdeckte es am Armaturenbrett eines Oldtimers und ihn entzückte die Genialität dieser simplen Metapher. Wie oft sehnt man sich in schwierigen Lebenslagen einen solchen Schalter herbei! Die Vorlagen für die Gemälde Wahlschalter und Stollen X (beide 2014) fand Hänsli in der militärischen Festungsanlage im Innern des Gotthards. Mit enormem Aufwand in den Jahren des Zweiten Weltkriegs in den Granit gehauen, steht dieses weitverzweigte Stollensystem für den damaligen Reduit-Geist, der entschlossenen Verteidigung aus dem Rückzug. Die erhaltenen Schalter und Beschriftungen zeugen vom Versuch, Sicherheit zu erzielen oder die Orientierung in den dunklen Gängen zu ermöglichen. Man ist dankbar, dass All Off nicht auch aus dieser Festung stammt! Die Anlage dient heute als Museum – der Geist ist aber noch nicht aus allen Schweizer Köpfen entwichen.

Eine kleine Gruppe von Vitrinen und verglasten Kastenrahmen weisen Hänsli als meisterhaften Arrangeur von „objets trouvés“ aus. Über die Jahre hat er Postkarten gesammelt – über zehntausend dürften es inzwischen sein. Aus diesem Fundus hat er mit subtilem Humor Paarungen gebildet, die er als Anthropologische Konstanten (2012) bezeichnet. In der Vitrine Besuchszeit (2014) stehen kleine Nippesfiguren aufgereiht ganz vorne an der Scheibe – wie die Ehefrauen und Freundinnen von Häftlingen beim wöchentlichen Besuchstermin. Bei aller Kitschigkeit der Figürchen geht von dieser kleinen Installation eine überraschende Brutalität aus. Im Kastenrahmen Ohne Titel (2014) stehen altmodische Portrait-Photographien in Schwarz-Weiß von einer Frau und drei Männern unterschiedlicher Generation. Reflexartig versucht der Betrachter eine Verwandtschaft zwischen den Ernstblickenden zu konstruieren: Hänsli spielt mit dem Wunsch nach Sinnstiftung, der in jedem von uns steckt.

Zur Zeit arbeitet Hänsli an einer großen Serie von Schrauben-Portraits. Mit fast naturwissenschaftlichem Eifer und größter Liebe zum Detail malt er (zumeist rostige) Schrauben, die er in den letzten Jahren auf Strassen und Parkplätzen gefunden hat. Ihn fasziniere, dass jede gefundene Schraube doch irgendwo fehle. Was könnte das Berger-Zitat vom unsichtbaren Drama schöner belegen?