Philipp Fürhofer

In Light of the Hidden
1. Mai – 27. Juni 2015

„Die Natur ist unerbittlich und unveränderlich, und es ist ihr gleichgültig, ob die verborgenen Gründe und Arten ihres Handelns dem Menschen verständlich sind oder nicht“

Galileo Galilei

 

Die dreizehn Werke von In Light of the Hidden, Philipp Fürhofers erster Ausstellung für die Galerie Judin, sind vielschichtig – im buchstäblichen Sinne. Passend zu den dargestellten Themen bewegen sich Fürhofers Leuchtkasten-Kreationen zwischen zwei Kunstgattungen – sie funktionieren gleichzeitig als Objekte und als Gemälde. Je nachdem ob das Licht an- oder ausgeschaltet ist, sind die Werke beleuchtet oder verschleiert. Bei den Kästen, deren Beleuchtung sich rhythmisch mittels Zeitschaltuhr verändert, müssen wir uns konzentrieren, um die wechselnden Zustände aufzunehmen. Das Spiel mit verschiedenen Ebenen verunmöglicht die beschauliche Betrachtung, mit der wir traditionell Bilder erfassen. Es versetzt den Betrachter in eine aktive Rolle, ermutigt ihn, sich zu bewegen und aus verschiedenen Positionen mit dem Werk zu interagieren.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ – Fausts berühmter Ausruf beschreibt am besten die innere Zerrissenheit des jungen Künstlers Philipp Fürhofer, als er sich zwischen der Karriere eines Pianisten und der eines Malers entscheiden muss. Auch wenn er sich zu Letzterem durchringt, klassische Musik und die Welt der Oper bleiben prägend für sein Schaffen. Seine Arbeit als Bühnenbildner für einige der berühmtesten Opernhäuser der Welt hat Fürhofer gelehrt, wie man ein Publikum in seinen Bann zieht.

Es ist dieses Bewusstsein für die Rolle des Zuschauers, das Fürhofers künstlerische Praxis ungewöhnlich und in der aktuellen Kunstszene einzigartig macht. Nicht nur dass wir uns in einer aktiven statt einer passiven Rolle mit seinen Arbeiten auseinandersetzen. Ist das Licht aus, sehen wir in den Spiegelfolien unsere eigene Reflektion, werden wir Bestandteil der Kunst – um Sekunden später wieder zu verschwinden. Ein schönes Beispiel dafür ist What We Call Reality: Das Licht ist an, und wir sehen einen Pulk von rennenden und springenden Figuren. Das Licht ist aus, und wir erblicken uns selbst in einem Gewirr von Kabeln, und wo die Figuren waren, ist dick aufgetragene Schmierfarbe in bleichem Rosa, das an Fleisch erinnert.

What We Call Reality thematisiert nicht nur die Vergänglichkeit des Lebens, es lenkt auch unsere Gedanken auf das Körperliche. Zu den vielschichtigen Objekten aus Leuchtstoffröhren, Glühbirnen und Schläuchen, kombiniert mit organischem und anorganischem Material, wurde Fürhofer inspiriert, als er während eines längeren Krankenhausaufenthalts Röntgenbilder seiner Brust sah. Sein eigenes Inneres auf einem Bild zu sehen und von außen ein scheinbar abgeschlossenes Gefäß zu sein erschien ihm als eine Dissonanz, die ihn gleichermaßen verstörte und anregte.

Tristan’s Body, ein von Wagners Tristan und Isolde inspiriertes Werk, ist nicht beleuchtet. Der Fokus der Arbeit liegt auf Farben und deren sonderbarer Verschmelzung zerknüllter Plastikfolie und anderen Fragmenten alltäglicher Abfälle. Wir sehen den Umriss von Tristans Körper, umflutet von Regen und Meeresgischt. Der Körper verschmilzt mit Segeln und Seilen, die auf die Kulisse zu Beginn des ersten Aufzugs anspielen: das Deck von Tristans Schiff während der Überfahrt von Irland nach Cornwall. Die Gewalt der Natur, speziell die Gewalt der Meere, ist eine Konstante, die sich durch die gesamte Ausstellung zieht; sie ist eine Metapher für die unaufhaltsamen Kräfte und unerbittlichen Rhythmen, die Leben und Liebe prägen. Dass Tristan und Isolde, ein Höhepunkt und Schlüsselwerk der Opernliteratur, Fürhofer als Inspiration für gleich mehrere der ausgestellten Werke diente, zeugt von seiner Vorliebe für Dunkelheit und das sie erhellende Licht – es ist aufschlussreich für sein gesamtes Schaffen. Wir wissen, den Protagonisten dieser tragischen Geschichte bringen die „Tagesgespenster! Morgenträume!” das Unheil. Nicht nur dass der Anbruch des Tages die körperliche Trennung der beiden bedeutet, er bringt auch die Erkenntnis, dass der Tod ihre einzige Möglichkeit ist, sich nicht voneinander trennen zu müssen. So gelingt es ihnen paradoxerweise erst im Tod, ihre Liebe und die Geschichte dieser Liebe zu erhalten und dem Tag damit ein Schnippchen zu schlagen. Nicholas Spice kommentiert das in seinem Essay Is Wagner Bad for Us? („Ist Wagner schlecht für uns?“) folgendermaßen:

„Der zweite Aufzug von Tristan und Isolde ist der Romantik größtes Loblied auf die Nacht. Nicht wegen des elfenhaften Charmes und des himmlischen Helldunkels von Mondstrahlen und Sternenlicht [...], sondern wegen der Darstellung der Nacht als engster Freundin des Vergessens. Ein Scheinbild der Ewigkeit und ein Ort sich totzustellen [...]. Ein Ort jenseits der Zeit.“

Das Scheinbild der Ewigkeit, wenngleich nur ein flüchtiger Blick darauf, zieht sich als ein weiteres Leitmotiv durch Fürhofers Arbeiten. Seduction gliedert sich in vier Teile, die über eine Zeitschaltuhr beleuchtet werden. Als Ganzes gleicht es einer unergründlichen Unterwasserwelt mit sinkenden Glühbirnen – real und gemalt – und Ausschnitten von androgynen, gesichtslosen Figuren. Kabel winden sich wie die Tentakel einer Qualle, und die Tiefe des Abgrunds ist unermesslich. Es ist spektakulär und, ganz wie der Titel vermuten lässt, verführerisch und verstörend zugleich.

Fürhofers taktile Kreationen haben eine starke spirituelle Qualität. Ihre beschwörende Eigenheit veranlasst dazu, zwischen weltlichen und geistigen Ebenen nach einer höheren Ordnung zu streben, die von Schönheit, Kunst und Musik inspiriert ist. Das Diptychon Paying Homage strahlt eine Erhabenheit aus, die von Fürhofers Verbindung zum opulenten Bühnenbild herrührt. Mit rosafarbener Spionspiegelfolie auf der linken Seite und blauer Folie auf der rechten Seite und eingerahmt von prallen Segeln, entdecken wir im Zentrum eine riesige, geisterhafte Figur, übersät mit Kabeln oder auch Tentakeln und funkelnden Glühbirnen. Man kann diese Quelle von Energie als gottgleiche Figur, als Personifikation einer lebensspendenden Kraft interpretieren; die schleierhafte Form kann aber ebenso gut der Unterwelt entstammen – und lebensbedrohlich sein.

Im Zentrum von Fürhofers Arbeit steht ein weitgreifendes Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz und die Schnittstelle zwischen den hellen Funken des Lebens und dem Schattenreich der Seitenbühnen. Dem Alltäglichen wohnt eine seltsame Poesie inne, die unseren unausweichlichen Niedergang beklagt. Diese Poesie ist sogar im überbordenden Müll unseres Lebens zu finden, und Fürhofer weiß sie geschickt einzufangen. Kiosk ähnelt einer Werbesäule oder einer Telefonzelle. Flaschen, Werbetafeln und Verpackungen blitzen für wenige Sekunden auf, bevor sie verdrängt werden von reflektierender Spiegelfolie, Kabeln und herunterlaufender Ölfarbe.

In Bending Light wechseln sich ein gemalter plastischer, stattlicher Brustkorb und ein in Folie gekratztes Gerippe ab. Bei näherer Betrachtung erkennt man: Die Rippenknochen verwandeln sich in gemalte, elegant gekrümmte Leuchtstoffröhren – beleuchtet von echten, pulsierenden Röhren. So entstehen komplexe Prismen und kaleidoskopische Räume, erzeugt mit Spiegeln und Leuchtstoffröhren. Es vermittelt ein gespenstisches Gefühl des Schwebens an einem Ort, der nicht mit dem Physischen verbunden ist – ein weiteres Scheinbild der Ewigkeit. Im Gegensatz dazu steht Becoming Matter mit seiner Unterwasserwelt, blau angeleuchteten Luftblasen und den Umrissen lebensspendender Hände. Ein Hinweis auf den Beginn der Menschheit, von Zeit, von allem, und die Rückkehr in die Ozeane ist ein immerwährender Kreislauf.

 

Jane Neal