Dieter Meier

Possible Beings 1973 – 2016
17. September – 29. Oktober 2016

Dass der Schweizer Künstler Dieter Meier nicht nur zu den Wegbereitern der Elektromusik und des Musikvideos, sondern auch zu den Pionieren der Konzeptkunst zählt, führt seine erste Ausstellung in der Galerie Judin mit über 60 Exponaten eindrucksvoll vor Augen. Seit den späten 1960er-Jahren hatte Meier in der Schweiz, Deutschland und den USA mit Aktionen zwischen Video- und Konzeptkunst auf sich aufmerksam gemacht, die mittlerweile unter dem Begriff Expanded Cinema versammelt werden. Ein besonderer Coup gelang ihm im März 1970, als sein Kurzfilm 1 Minute unkommentiert das öffentlich-rechtliche Schweizer Fernsehprogramm unterbrach. Zunächst wurde der Bildschirm schwarz. Dann war für eine Minute lediglich der regungslose Kopf des Künstlers zu sehen und ein Zeitzeichen zu hören. Anschließend wurde der Bildschirm erneut für einige Sekunden schwarz. Das Publikum war verstört – zahlreiche Beschwerden gingen beim Fernsehsender ein. Mit derartigen Aktionen, die meist ein unvorbereitetes Publikum außerhalb klassischer Kulturinstitutionen adressierten, setzte sich Meier ebenso humorvoll wie hintergründig mit der Flüchtigkeit des filmischen Mediums und des menschlichen Lebens auseinander.

Anfang der 1970er-Jahre überführte Meier seinen konzeptuellen Ansatz in fotografische Serien und andere Werkgruppen. Fortan arbeitete er stets parallel an Filmen, Fotografien sowie Aktionen – und kombinierte die Gattungen auf unterschiedlichste Weise. 1972 läutete ein Materialkonvolut zu dem erdachten Schriftsteller Thomas Mattes, von dem plötzlich Manuskripte, Briefe und Schnappschüsse auftauchten, Meiers bis heute andauernde Beschäftigung mit erfundenen und vorgefundenen Persönlichkeiten ein. Nicht selten weisen diese Charaktere autobiografische Züge auf.

Diesem Thema ist auch Meiers umfangreichste fotografische Serie Personalities gewidmet, die in den Jahren 1973 und 1974 entstand. Mit variierender Kleidung, Gestik und Mimik verwandelte sich der Künstler in 48 unterschiedliche Persönlichkeiten. Das Ergebnis ist gespenstisch: wenngleich Meiers markante Gesichtszüge stets zu erkennen sind, löst die schiere Anzahl der Verkörperungen allmählich die Wahrnehmung des Künstlers als Individuum auf. Stattdessen treten seine Rollen in den Vordergrund. Diese sollten letztlich ein regelrechtes Eigenleben entwickeln und Meier zu zwei weiteren Werkgruppen anregen.

Unter den Titeln As Time Goes By und Possible Beings wählte Meier in den Jahren 2005 und 2016 einige Personalities aus, die er jeweils mit einer neuen Porträtaufnahme und einer kurzen Biografie in die Gegenwart holte. Das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft: in wenigen Jahren möchte sich der Künstler der restlichen Figuren annehmen und mit ihnen weitere mögliche Lebenswege ausloten.