Mi Kafchin

Self-Fulfilling Prophecy
12. November 2016 – 14. Januar 2017

Vor rund zehn Jahren eroberte die Cluj Connection, eine Gruppe junger rumänischer Künstler, die internationale Kunstwelt. Was sie verband, waren eine fundierte technische Ausbildung und weitreichende kunsthistorische Referenzsysteme. Als Assistentin des Malers Adrian Ghenie stieß Mi Kafchin (*1986) kurz nach Abschluss ihres Studiums zu diesem lockeren Verbund. Ihre technische und thematische Experimentierfreude unterschied sie jedoch von den Mitstreitern. Sie erschloss sich vielfältige künstlerische Ausdrucksmittel, die von Zeichnungen und Gemälden über Skulpturen bis hin zu raumgreifenden Installationen reichen. Gleichzeitig entwickelte sie ein kontrastreiches Motivspektrum, das gleich einem Kaleidoskop die collageartigen Bildwelten unseres Medienzeitalters reflektiert: Aus der Verschmelzung von kunsthistorischen und popkulturellen Zitaten erwuchs ein spannungsreiches Bildprogramm. Jüngst hat es eine autobiografische Erweiterung erfahren. Mi Kafchin, die als Mihuț Boșcu Kafchin in einem männlichen Körper aufwuchs und sich seit einigen Monaten im Prozess einer Geschlechtsangleichung befindet, setzt sich seither mit eigenen und fremden Konstruktionen von Geschlecht und Identität auseinander. Mit der Hormontherapie veränderte sich auch Kafchins Farbwahrnehmung: Sie ließ die gebrochene Farbigkeit ihrer vorangegangen Schaffensphase hinter sich und erschloss sich eine neue leuchtende Farbpalette.

Mit den Werken ihrer ersten Einzelausstellung in der Galerie Judin, die allesamt 2016 entstanden, hat sich Kafchin auf eine autobiografische Spurensuche begeben. Diese setzt mit ihrer Kindheit und Jugend in Rumänien ein, die als von der Gegenwart geradezu abgeschnittene Epochen ins Bild gesetzt sind. Während Black and White Danube die Skulpturen im öffentlichen Raum als Ausgangspunkt der künstlerischen Laufbahn benennt, schildern Fishing for Souls und Purple Rain die gleichermaßen vom orthodoxen Glauben und vom Okkultismus geprägte rumänische Gesellschaft. In Abwendung von den sozialen Repressionen fand Kachin Halt bei den Heroen der Kunstgeschichte, mit denen sie die Suche nach der eigenen Vervollkommnung verband. Ihre einstige Zerrissenheit hat die Künstlerin nun in Allegorien überführt, die zunächst wie niederländische Seestücke und Szenen aus der christlichen Bildtradition anmuten. So artikuliert das an Darstellungen des Fegefeuers angelehnte Gemälde Hell Fueled by Thoughts in summarischer malerischer Auffassung, in welcher Weise Kafchins gedankliche Selbstbespiegelung autodestruktive Züge annahm. Auch mit Werken wie The Tempest und Me as Phantom Ship hat sie aus dem abendländischen Motivkanon wirkmächtige Ausdrucksformen für ihre inneren und äußeren Zwangslagen abgleitet. Sie hat sich jedoch auch nicht gescheut, das Leiden im falschen Körper explizit ins Bild zu setzen.

Kafchins Reflexion ihrer Geschlechtsangleichung wird von Afraid of Dying eröffnet, das noch den männlichen Oberkörper präsentiert, um den bereits ein Baugerüst errichtet ist. Die Werke Franzl, The Fifth Element und With the Help of Mendeleev versammeln anschließend das Arsenal notwendiger Medikationen. Gespickt mit Symbolen verkünden diese und weitere Werke eine neue Weltordnung. Wie bei Fishing for Your Zodiac wählt Kafchin besonders häufig astronomische Koordinaten und die Tierkreiszeichen als Sinnbilder für die eigene Neupositionierung in Zeit und Raum. Wie schmerzlich dieser Vorgang sein kann, führt das Gemälde Trying to Be Beautiful vor Augen. Hier steht ein grüner Drache für die Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Erscheinung. Mit Puder und Schmuckkästchen versucht das Fabelwesen vergeblich, dem weiblichen Schönheitsideal zu entsprechen, doch aufgrund seiner enormen Körpergröße kann es sich nicht einmal richtig im kleinen Spiegel betrachten. Die Figur des Drachens ist eine von zahlreichen Chiffren, die Kafchin für die eigene Transformation gefunden hat. Sie entstammen rumänischen Volksmärchen und gehen zugleich auf die europäische Kunstgeschichte zurück. So greift Kafchin auch die Darstellung des bei den Alten Meistern so beliebten Jungbrunnens als Sinnbild für Schönheitsideale, Vergänglichkeit und Verwandlungen auf. Fountain of Youth setzt jedoch nicht nur die absehbare äußere Veränderung ins Bild. Die ungleich wichtigere Metamorphose ist durch drei Fische am linken Bildrand dezent angedeutet: Es ist der Verweis auf Fischarten, die in der Lage sind, ihr Geschlecht unter bestimmten Bedingungen zu wechseln. Das Brunnenmotiv in Divine Pipes dagegen lässt derartige Wandlungen gänzlich außer Acht. Indem es die Konstruktion des Brunnens untersucht, fragt es nach dessen Voraussetzungen: Woher kommt das Wasser und ab wann setzt seine Wirkmacht ein? So vereint die Künstlerin in diesem Motiv metaphorisch die natürlichen und die medizinisch-technischen Voraussetzungen ihrer Geschlechtsangleichung.

Schönheit, Veränderung und Vergänglichkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch Kafchins Schaffen und münden wiederholt in Vanitas-Motiven. So präsentiert Hungry Time die personifizierte Zeit, die neben einem Frühstücksei gleich einen ganzen Planeten verschlingt. Das Gemälde The Death of Toma wiederum, das Trümmer in surrealem Schwebezustand vor nahezu monochromem Hintergrund anordnet, ist dem rumänischen Schauspieler Toma Caragiu gewidmet, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere bei einem Erdbeben tödlich verunglückte.

Mit ihren jüngsten Werken hat Kafchin ihren Ängsten und Hoffnungen nicht nur ebenso mutig wie berührend Form verliehen, sondern sie als grundlegende Fragen unserer menschlichen Existenz abstrahiert. Sie eröffnen die Diskussion über persönliche Ideale, Widersprüche und Veränderungsprozesse. Das Ziel von Kafchins eigener Transformation hat sich auch in einer kleinen Gruppe von Terrakotta-Sklupturen niedergeschlagen. So präsentiert beispielsweise Bozzetto eine weibliche Haarpracht als höhlenartigen Zufluchtsort. Den ersehnten Ausgleich der inneren und äußeren Gegensätze, dem die Werke dieser Ausstellung auf der Spur sind, versinnbildlicht das Symbol des Yin und Yang, das in zahlreichen Werken auftaucht.

Der gegenwärtige Stand von Kafchins Transformation ist an zwei großformatigen Gemälden abzulesen. So zeigt The Self-Sufficient Plant eine fragile Pflanze, die eigenhändig ihre Blütezeit einläutet. A Self-Fulfilling Prophecy, das größte Werk der Ausstellung, präsentiert eine blonde Schönheit in Begleitung von schweren Maschinen bei der Besteigung des Mount Everest. Während sie sich mithilfe der personifizierten Natur der letzten Etappe des Aufstiegs zuwendet, bleibt ein skelettierter Mann als Alter Ego im Schnee zurück. Es ist die sinnbildliche Reise zu sich selbst, von der Kafchin bereits als Jugendliche träumte. Zaubersprüche sollten ihr helfen, am nächsten Tag im richtigen Körper zu erwachen. Dass nun endlich ihre körperliche Selbstwerdung beginnt, begreift die Künstlerin als sich selbst erfüllende Prophezeiung.