Hugo Wilson

Thierleben
29. April – 10. Juni 2017

Vor mehr als 150 Jahren eröffnete der deutsche Zoologe Alfred Brehm mit seinem mehrbändigen Buch Thierleben eine ganz neue Sicht auf die Tierwelt. Sein Werk überzeugte nicht nur mit neuen Erkenntnissen über die globale Fauna, sondern auch durch eine poetische Sprachgewalt. In zahllosen Übersetzungen erreichte Brehms Thierleben ein enormes internationales Publikum – insbesondere in Deutschland fehlte es wohl in keinem bürgerlichen Haushalt. Über Generationen prägte das Buch so unseren Blick auf die Tierwelt. Doch trotz bahnbrechender Beobachtungen verengte Brehm zugleich die Perspektive, indem er menschliche Verhaltensweisen und Strukturen auf die Tierwelt übertrug. Sicherlich trug aber genau dies zum Erfolg des Buches bei. Seither ist unser Verlangen, menschliche Eigenschaften und soziale Strukturen auf die Tierwelt zu übertragen, ungebrochen. Im Zeitalter animierter Trickfilme oder viraler Katzenvideos hat es sogar ganz neue Ausmaße erreicht.

Mit seiner ersten Ausstellung in der Galerie Judin ist Hugo Wilson (*1982) eben diesem als Anthropomorphismus bezeichneten Phänomen auf der Spur. Ganz im Sinne Alfred Brehms thematisieren seine Gemälde, die allesamt im letzten Jahr entstanden, tierische Gruppen als Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft. Wilson hat jedoch zumeist keine friedvollen Koexistenzen, sondern Hackordnungen und Nahrungsketten ins Bild gesetzt. Es sind komplexe Bildgefüge, die der Künstler zunächst als digitale Collagen entwickelt und dann in altmeisterlicher Manier auf Holztafeln umsetzt. Doch nicht nur Wilsons Technik, sondern auch manches Motivelement ist auf die europäische Kunstgeschichte zurückzuführen: so spielt beispielsweise Von Max Out auf den deutschen Maler Gabriel von Max an, der zahlreiche Affenporträts als künstlerische Umsetzung der Evolutionstheorien von Charles Darwin schuf. Doch nur selten fallen Wilsons Bezugnahmen so eindeutig aus. So versteckt sich beispielsweise im Hintergrund von Untitled (Octopus) ebenfalls eine kunsthistorische Anspielung: als amorphes Formelement ist hier die Figurengruppe von Peter Paul Rubens Der Raub der Töchter des Leukippos auszumachen. Wilsons Motive spielen aber nicht nur mit unserem gesellschaftlichen Bildgedächtnis sowie tatsächlichen oder vermeintlichen Wiedererkennungswerten, sondern auch mit dem Wahrheitsgehalt heutiger Bildereignisse: so geht das Gemälde I Get It auf ein Foto zurück, dass ein Wiesel bei einem Ritt auf einem Grünspecht zeigt. Es wurde zu einem Internetphänomen – und zum Anlass für erhitzte Diskussionen über echte und falsche Bildmeldungen im digitalen Zeitalter.

Ob seiner vielfältigen motivischen und technischen Bezugnahmen auf die Alten Meister überrascht es nicht, dass auch Wilsons Berliner Ausstellung auf eine solche Auseinandersetzung zurückzuführen ist. So entstanden die Gemälde und Plastiken in Folge seiner Begegnung mit dem Galeriebestand der Werke von Charles-Frédéric Soehnée, den sich Wilson letztlich auch als künstlerischen Gesprächspartner für die Ausstellung und den Katalog erwählte.