John Kleckner

Years Disappear
4. Juli – 19. August 2017

Vor wenigen Jahren griff der amerikanische Künstler John Kleckner, der 1978 in Iowa geboren wurde, wieder zu Pinsel und Farbe. Nachdem er zuvor ausschließlich mit Tusche, Aquarell und Bleistift auf Papier gearbeitet hat, ist seit 2015 ein Dutzend zumeist großformatiger Gemälde entstanden. Anstatt organischer Formen, die Kleckners Papierarbeiten bis dahin prägten, begegnen uns nun kontrastreich gegeneinander gesetzte geometrische Strukturen: plastisch ausgearbeitete, blitzartig gebrochene Balken und ineinander gestaffelte Pfeile rhythmisieren die farbintensiven Kompositionen. Hinzu gesellen sich serpentinenartige Verschlingungen in glänzendem Silber und zahlreiche Farbfelder. Doch wie verhalten sich all diese Bildelemente zueinander? Flächen mit eigenwilligem Farbverlauf oder sonderbarem Schattenwurf geben Rätsel auf: Haben wir es mit einem Übereinander zweidimensionaler Flächen oder mit einer dreidimensionalen Anordnung von Objekten in einem Raum zu tun?

Kleckners Werke geben die Intention des Künstlers nicht ohne Weiteres preis. Trotz aller Bemühungen lässt sich auch kaum eine der Kompositionen figurativ festlegen. Doch unser Bestreben, die Gemälde zu durchdringen und zu analysieren, führt zu einer anderen Erkenntnis: während die collagierten Kompositionen und unterschiedlichen Farbgebungen zunächst zufällige Anordnungen unterschiedlichster Bildelemente vermuten lassen, wird bei intensiver Betrachtung schnell klar, dass es sich um mehr als solitäre Kompositionsschemata handelt. So sind stets ähnliche Form- und Farbelemente auszumachen – manchmal sind sie prominent ins Bild gesetzt, manchmal regelrecht versteckt. Sie gehören zu einem überraschend geschlossenen Formenrepertoire, das Kleckner in den letzten drei Jahren entwickelt und in den nun augestellten Werken variiert hat. Viele Elemente muten insbesondere wie ein Rückgriff auf die Bildsprache der 1960er bis 1980er Jahre an – sicherlich kein Zufall bei einem Künstler, der den deutschen Begriff „Zeitgeist“ zu einem seiner Lieblingswörter erkoren hat.

Kleckners neues Formenrepertoire, das seine bisherige Auseinandersetzung mit der Ästhetik der Hippie-Bewegung ablöst, ist auf eine Serie von rund 100 Collagen zurückzuführen, die in den letzten fünf Jahren entstanden ist. In ihnen finden sich Fragmente wichtiger kunsthistorischer Bezugspositionen, Fotografien, grafischer Muster, Schnipsel globaler Popkultur und vieles mehr. Viele dieser Collagen werden nie malerisch überführt. Andere wiederum hat Kleckner gleich mehrfach aufgegriffen und variiert. Kleckner hält sich jedoch nicht sklavisch an die eigenen Vorlagen. Farben und Formen werden am Ende stets variiert. Die Gemälde haben sich hierdurch von ihren Vorlagen emanzipiert. So stehen am Ende des Prozesses zwei solitäre Schöpfungen. Kleckner bezeichnet die Resultate deshalb selbst als „sorgfältig geplante Unfälle“.

Während Kleckner ausschließlich Bildfragmente für seine Collagen nutzt und auf ausgeschnittene Lettern verzichtet, ist den verwendeten Buchseiten unten bereits ein rätselhafter Titel eingeschrieben: eine Zahl, gefolgt von einem stets gleich langen Strich, der wiederum von Leerschlägen und einem Fragezeichen gefolgt ist. Es sind Seiten des Ausstellungskataloges The Secret Block for a Secret Person in Ireland von Joseph Beuys. Im Zuge der Publikation hatte Beuys jenen 296 Werken im 456 Zeichnungen umfassenden Block, die keinen spezifischen Titel tragen, diese Zeichenkombination zugewiesen. Die vorangestellte Zahl entspricht der fortlaufenden Inventarnummer und ändert sich entsprechend. Genau diese Mischung aus „undurchdringlich und mysteriös“ einerseits und seltsam „pseudo-wissenschaftlich und spezifisch“ andererseits, war für Kleckner unwiderstehlich – erlaubte sie ihm doch die Aneignung und Verwendung einer Systematik für seinen eigenen Block, den er in Anlehnung an Beuys mit Questions for a Secret Person in Iowa überschrieben hat.

Die erste Begegnung mit dem Werk des legendären deutschen Aktionskünstlers und Erfinders der Sozialen Plastik war ein einschneidender Moment in der künstlerischen Entwicklung Kleckners. Während seiner Studienzeit stieß er auf zwei kleine Bände über dessen frühe Zeichnungen. Sie erschütterten seine Auffassung von Kunst – und was sie konnte und durfte. Das Konzept, solche Reproduktionen als Ausgangsmaterial für neue, eigene Werke zu verwenden, entwickelte und akzentuierte sich in den folgenden Jahren. Nun sind die so entstandenen Kleckner-Werke in seinem ersten monografischen Ausstellungskatalog reproduziert – und könnten anderen Künstlern wiederum als Basis für eigene Originale dienen. Dass es zu einer solchen Kettenreaktion kommen könnte, findet Kleckner durchaus amüsant.