Christoph Hänsli

Der Generator
1. Dezember 2018 – 16. Februar 2019

So banal und alltäglich die meisten Motive erscheinen, die der Schweizer Künstler Christoph Hänsli – stets im Maßstab 1:1 – ins Bild setzt, so tiefgründig ist doch jeweils der Kontext, auf den er uns durch ihre malerische Überführung aufmerksam machen möchte. Nach seiner Auseinandersetzung mit unseren Methoden der Sinnstiftung und des Zeitvertreibs hat Hänsli in den letzten Jahren unsere Versuche dokumentiert, der eigenen Schutz- und Hilflosigkeit zu entkommen.

Seine Erkundungen hat der Maler mit gleich zwei malerischen Großprojekten begonnen. Ab 2015 entstand zunächst Der Generator, mit dem uns der Künstler tief ins Innere des Gotthardmassivs führt – in die Schweizer Artilleriefestung, die als Verteidigungsanlage während des Zweiten Weltkrieges errichtet wurde. Hänsli hat jene Schalttafel in Lebensgröße wiedergegeben, mit der die Energieversorgung der Festungsanlage gesteuert wurde. Auf einer Länge von fast acht Metern präsentiert Der Generator ein ganzes Arsenal von Schaltern, Regulatoren und Kontrolllampen. Diese zeugen sowohl von planbarem Kontrollgewinn als auch dem potentiellen Totalverlust der Herrschaft über die Technik – also auch von Angst und Ausgeliefertsein. Ob die Gotthardfestung sich im Ernstfall tatsächlich bewährt hätte, bleibt indes ungewiss. Dem militärischen Ernstfall musste sie sich nie stellen.

Auch die Anregung zu Hänslis nächstem großen Projekt, Deponie (2015–16), findet sich im Verborgenen. Seine Suche nach Ordnungssystemen führte den Künstler in die hessische Deponie Herfa-Neurode, die größte untertägige Sondermülldeponie der Welt. Neben 2 Millionen Tonnen quecksilber- oder arsenhaltiger Abfälle werden dort im sogenannten Probenraum auch hunderte von Kleinstmengen giftiger Chemikalien aus aller Welt verwahrt – in den harmlos aussehenden Glasbehältern, die uns Manufactum zur Aufbewahrung von Gewürzen empfiehlt. 33 Stück davon hat Hänsli in kleine Gemälde überführt und nach Schadstoffgruppen sortiert. Sie präsentieren sich als eine kleine Übersicht in Pastellfarben über die verdrängten und vergessenen Nebenprodukte unserer zivilisatorischen Errungenschaften.

Im Folgejahr brachte Hänsli eine Reihe von sechs Hausapotheken auf die Leinwand, die er vielsagend als Festungen (2017) betitelt hat. Oft lösen sich die darin enthaltenen Schachteln und ihre Beschriftungen in ein abstraktes Flächengefüge auf. Was sich in den Festungen tatsächlich verbirgt, bleibt so im Ungefähren: Mittel gegen Kopfschmerzen und Heuschnupfen sind kaum von jenen gegen Depressionen und Krebsleiden zu unterscheiden. Allein schon ihr Vorhandensein suggeriert Sicherheit und befriedigt unser Schutzbedürfnis. Ob vom Künstler beabsichtigt oder auch nicht: jede dieser Hausapotheken ist auch ein höchst intimes, wenn auch verschwommenes Portrait ihrer Besitzer.

Flankiert werden Hänslis Erkundungen unseres vielfältigen, bisweilen durchaus absurden Strebens nach Sicherheit von 100 kleinen, meist etwas rostigen und verformten Schrauben, die der Künstler in den Straßen seiner Heimatstadt Zürich oder bei seinen Aufenthalten in New York, Berlin, Mailand und andernorts gefunden hat (Verloren, 2013–14). Nicht allein die leicht zu übersehende Schönheit der kleinen Objekte faszinierte ihn. Es war vor allem der Gedanke, dass jede noch so kleine Schraube einst eine Funktion erfüllte und dass nun ihr Fehlen an eben dieser wichtigen Stelle ein latentes Sicherheitsrisiko darstellt.

Mit dem jüngsten Werk der Ausstellung beschließt Hänsli seine Untersuchungen unserer Schutzmechanismen und sorgt für einen markanten Farbtupfer. Bald (2018) zeigt einen signalroten Druckknopf, der durch die Ambivalenz seiner denkbaren Funktionen besticht. Der Knopf könnte gleichermaßen eine zerstörerische Aktion oder eine rettende Sicherheitsmaßnahme auslösen. Wie so oft bleibt die Lesart dem Betrachter überlassen – Hänsli gibt mit seinen feinmalerischen, subtil humorvollen Werken nur die entsprechenden Denkanstöße.