Edouard Baribeaud

An Old Story for Our Modern Times
28. April – 9. Juni 2018

Im Anschluss an ausgedehnte Reisen durch Indien hat der Deutsch-Franzose Edouard Baribeaud (*1984) zuletzt abenteuerliche Expeditionen zu fernen, verwunschenen Sehnsuchtslandschaften ins Bild gesetzt. Solche finden sich in den Gemälden und Aquarellen seiner jüngsten Werkreihe An Old Story for Our Modern Times (2018) nur noch als Referenz. Stattdessen entstanden rätselhafte Interieurs und hintersinnige Porträts, die in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte wurzeln. Doch wenngleich uns der Künstler nicht mehr durch aufsehenerregende Außenräume führt, haben seine jüngsten Kompositionen keineswegs an Spannung und Mystik eingebüßt. Denn der Blick auf das Fremde hat Baribeauds Blick auf das Bekannte verändert. Er selbst spricht von einer Wiederentdeckung und Remythisierung. In einem Werk ist der Künstler als Erzähler der intensiven Narrationen selbst auszumachen: Das Aquarell Daedalus zeigt ihn zwischen den Polen von Fantasie und Realität an einem selbst entworfenen Arbeitstisch, der tatsächlich zurzeit nach den Maßgaben des Künstlers gefertigt wird.

Fast alle Kompositionen gehen auf die griechisch-römische Mythologie zurück. Als Auftakt der Serie entstand das einfühlsame Porträt Medusa, auf deren Kopf ein Knoten bunt gemusterter Schlangen sitzt. Auf dem Spiegelbild sind die Tiere indes nicht zu sehen – was sich am Mythos erklären lässt. Demnach ließ der Anblick von Medusas Antlitz jeden Betrachter zu Stein erstarren, nur der Blick auf ihr Spiegelbild war ungefährlich. Dies gilt auch für Baribeauds malerische Überführung. Vom Spiegelbild geht hier ebenfalls keine Gefahr aus. Ohnehin erscheinen die Tiere durch ihre pauschale Formgestaltung und bunte Farbgebung eher als bildkünstlerische Chiffren denn als naturalistische Wiedergabe einer tatsächlichen Bedrohung. So nehmen wir sie als Sinnbild gewisser Eigenschaften wahr. Dies deckt sich mit dem Konzept Baribeauds, der seine Medusa als Abbild unserer charakterlichen Vielschichtigkeit – einschließlich aller Widersprüche – begreift und sie als Repräsentantin einer modernen Frau inszenierte. Ebenso repräsentativ soll auch Narcissus sein, den Baribeaud weniger selbstverliebt als vielmehr selbstkritisch dargestellt hat: Die Physiognomie der Figur entzieht sich einer eindeutigen geschlechtlichen Zuordnung und wird somit zu einer allgemeingültigen Projektionsfläche.

Eines der großformatigsten Werke der Ausstellung zeigt eine zeitgenössische Version des Fährmannes Charon, der die Verstorbenen der Legende nach gegen einen Obolus über den Totenfluss zum Totenreich geleitet. Das Warten der Verstorbenen auf ihre Überfahrt wie auch das permanente Warten des Fährmannes hat Baribeaud in die Gegenwart überführt. Anstelle der kanonisierten Darstellung des grimmigen alten Mannes im dunklen Fischerkittel hat der Künstler einen galanten jungen Mann im Eingangsbereich eines Midcentury-Gebäudes platziert. Geradezu gelangweilt blickt dieser frontal aus dem Werk heraus. Ob Baribeauds Charon auf die nächsten Verstorbenen oder gar selbst auf Einlass wartet, bleibt jedoch ungewiss.

Eine konträre Form von Männlichkeit hat Baribeaud mit Minotaur ins Bild gesetzt. Durch den Bildaufbau scheint sich ein männlicher Akt beim Durchschreiten eines Türrahmens in das menschenverschlingende Zwitterwesen zu verwandeln. Und dann tritt uns geradezu lasziv seine nächste mythische Figur entgegen: die spartanische Prinzessin Penelope, Gattin des Odysseus. Während der zwanzigjährigen Abwesenheit ihres Gatten vertröstete sie trickreich ihre zahlreichen Freier, indem sie erklärte, sich erst nach Fertigstellung des Leichentuches für den verstorbenen Schwiegervater auf Avancen einzulassen. Doch des Nachts trennte sie stets wieder auf, was sie tagsüber gewebt hatte – und konnte so die Anwärter während der langen Irrfahrt des Odysseus abwehren. Auf einige Stationen der Odyssee verweist ebendieses Tuch, das die Protagonistin bedeckt. Ähnlich den lieblich-expressiven Kompositionen des Wiener Jugendstils ist Penelope in ausdrucksstarker Pose auf einen nahezu monochromen Grund gebettet, dessen Blau abermals auf die Odyssee anspielt. Auch in der umrahmenden Perlenstickerei des Werks hat Baribeaud die langjährige Trennung des Paares in Form eines Mondzyklus aufgegriffen – und mit dem aufwendigen Handwerk, wie bei Medusa, die strenge Trennung von bildender und angewandter Kunst aufgehoben. Das gilt auch für Werke wie Daedalus und Danaë, bei denen der Künstler mit Blattgold arbeitete.

Baribeauds meisterliche Vergegenwärtigung antiker Mythen und deren Verbindung mit modernen kunsthistorischen Referenzen, darunter der Wiener Jugendstil oder die Neue Sachlichkeit, gipfelt in dem rätselhaften Gemälde Penthesilea. Die Protagonistin entzieht sich dem Blick des Betrachters, sie ist im Begriff, sich umzuziehen. Doch ob sie sich an- oder auszieht, bleibt unklar – ebenso wie die Frage nach dem Besitzer des Hemdes, das prominent vor dem Paravent platziert ist, dessen figurative Ausgestaltung zum Zentrum des Bildes avanciert. Ihn ziert eine sogenannte Amazonomachie – die Darstellung des Kampfes der Amazonen gegen die Griechen während des Trojanischen Krieges. Baribeauds Komposition liegt das Gemälde L’Atelier du peintre (1911) von Henri Matisse zugrunde: Es zeigt das lichtdurchflutete Atelier des Fauvisten. Wie im Falle der jüngsten Werkgruppe Baribeauds war auch dieses Gemälde Resultat eines Perspektivwechsels. Denn das Werk entstand nur wenige Jahre nachdem sich Matisse aus Paris zurückgezogen und in Issy-les-Moulineaux ein neues Quartier bezogen hatte. Beispielsweise sollte mit dem ikonischen Gemälde Der Tanz (1909) an diesem Ort Kunstgeschichte geschrieben werden. Obwohl das Anwesen nur wenige Kilometer von Paris entfernt lag, sorgte bereits der minimale Ortswechsel für einen neuen Blick auf scheinbar Vertrautes.

Durch die Verschränkung unterschiedlicher Referenzen hat Baribeaud mit Penthesilea abermals ein Setting außerhalb eindeutiger epochaler Zuordnungen geschaffen. Wie in seinen anderen Werken ist hierdurch eine Bühne universellen Charakters entstanden. Auf dieser ist gleich eine ganze Reihe unterschiedlicher Frauentypen aus diversen zeitlichen und kulturellen Kontexten angeordnet. Da sind die kämpfenden Amazonen, eine Muttergottes, ein Gruppenbildnis von Matisse sowie eine hinduistische Kriegsgöttin. Auch ein weiteres Matisse-Gemälde, das am linken Bildrand auszumachen ist, thematisiert die Rolle der Frau, und zwar durch deren Abwesenheit – es zeigt lediglich sechs muslimische Männer. Baribeauds Protagonistin findet sich zwischen all diesen Rollenbildern wieder. In Anlehnung oder Abwendung von diesen Stereotypen muss sie ihr eigenes Selbstverständnis ausbilden. Eine Abwandlung dieser Komposition präsentiert Baribeaud unter dem Titel The Navel of the World.

Mit den Gemälden und Aquarellen seiner jüngsten Werkgruppe hat Baribeaud keine bloßen zeitgenössischen Illustrationen der griechisch-römischen Mythologie geschaffen. Er benutzt die tradierten erzählerischen Mittel vielmehr, um wirkungsvolle Bühnen und Projektionsflächen zu kreieren. Auf ihnen versammelt der Künstler Figuren der Gegenwart, die Dramen erleben, wie sie sich seit Jahrhunderten fortschreiben. Es geht um charakterlichen Facettenreichtum, um zwischenmenschliche Beziehungen, um das Individuum und seinen Platz in der Gesellschaft, um Einsamkeit, Leben und Tod. Die Heldengeschichten dahinter mögen aus der Antike stammen – die Dramen aber könnten zeitgenössischer nicht sein.