Philipp Fürhofer

Walpurgisnacht
17. Februar – 7. April 2018

In den 13 Werken seiner zweiten Einzelausstellung in der Galerie Judin führt Philipp Fürhofer mit spannungsreichen Leuchtobjekten und Assemblagen zwei Themenkreise zusammen, denen bereits seit geraumer Zeit sein künstlerisches Interesse gilt: Landschaft und menschli-cher Körper. Die atmosphärischen Landschaftspanoramen sind wie einem der Bühnenbilder entsprungen, mit denen Fürhofer Opernbesucher in ganz Europa begeistert; rhythmische Lichtschaltungen setzen die Szenerien in dramatische Farbstimmungen und sorgen für über-raschende Durch- wie Aufsichten. Die überlebensgroßen gemalten Umrisse menschlicher Körper hingegen erlangen eindrucksvoll Form durch ihre Fortsetzung in überraschenden Ma-terialien; die Identität der Protagonisten bleibt im Vagen – selten ist ein Kopf, nie ein ganzes Antlitz auszumachen.

Alle ausgestellten Arbeiten des 1982 geborenen Fürhofer sind 2017 entstanden, in den mei-sten begegnen sich die beiden Bildwelten, so auch im titelgebenden Werk: Walpurgis-nacht II. Ist das Licht ausgeschaltet, nimmt ein wunderbar malerischer männlicher Torso die gesamte Bildfläche ein. Schwarze Kabel, die beide Seiten des Kastens umspielen, über-führen die dunkle Brustbehaarung in die dritte Dimension. Sobald der Kasten erleuchtet ist, mutieren die gemalten wie plastischen Haare zum Geäst zweier Baumgruppen, die an den Seiten erscheinen. Wenn auch der Körper so beinahe entschwindet – eins mit der Natur wird er nicht. Noch immer schimmert der malerische Torso durch. Mit einem Standpunktwechsel des Betrachters verliert sich auch diese Illusion gelegentlich; dann steht die raue, durchaus profane Materialität des Werkes im Fokus. Der Körper wird zur Bühne für eine mystische Sehnsuchtslandschaft – und eröffnet hiermit eine geradezu psychologische Dimension.

Mit vagen Identitäten und zugeordneten Landschaften hat Fürhofer so Identifikationsfiguren geschaffen, auf die sich persönliche wie gesellschaftliche Sehnsüchte projizieren lassen, ähn-lich den „Rückenfiguren“ der deutschen Romantik. Sie verkörpern den damaligen wie heuti-gen Wunsch nach individuellem Empfinden und persönlicher Entgrenzung: Sehnsüchte, wie sie eine industrialisierte Gesellschaft hervorbringt, die in Fürhofers Werken mehr als präsent ist. Landschaften, allen voran der identitätsstiftende Wald, werden so zum emotionalen und intellektuellen Resonanzraum – ebenfalls ein Phänomen, das kulturgeschichtlich ins 19. Jahrhundert zurückreicht.

Trotz dieser Verwurzelung in der kunsthistorischen Tradition könnte Fürhofers Ansatz zeit-genössischer nicht sein. Denn stets offenbaren die Arbeiten das Geheimnis ihrer Wirkmacht: Auf dem Boden platzierte Schaltkästen und herausschauende Kabellagen machen die Steue-rungsmechanismen der Illusionsmaschinen sichtbar, die Leuchtmittel sind stets zu erkennen. Und auch die banalen Materialien sind immer als solche auszumachen. Entzaubert werden Fürhofers Werke hierdurch keineswegs, vielmehr werden wir zum Komplizen von Künstler und Kunstwerk. Wir warten geduldig darauf, dass sich farbiges Plexiglas, Glühbirnen, Spiegel und Kabel in einen Sonnenaufgang verwandeln (Tequila Sunrise). Wir suchen den richti-gen Blickwinkel und warten ab, bis wir die komplexeren Lichtzyklen in Gänze erfasst und dabei versucht haben, alle einzelnen Bedeutungsebenen und Bezüge der Schaltungen zu erschließen. Erst in derlei Interaktion mit dem Betrachter formieren sich Fürhofers Werke. Fast immer spiegeln wir uns zudem in den Oberflächen der Arbeiten und finden uns somit regelrecht in ihnen wieder.

Den spannenden Dialog zwischen Werk und Betrachter lässt Fürhofer zurzeit auch unter dem Titel [Dis]connect in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main stattfinden. Für eine Ausstellung zur Geschichte des Dioramas hat er die Rotunde des Museums verwandelt. Er ließ zwei Spiegelfolien einziehen, eine Lichtschaltung ermöglicht zwei unterschiedliche Raumeffekte: Entweder erkennt sich der Besucher beim Blick nach oben in einer glatten Spiegelfläche, oder er schaut in eine scheinbar unendliche Fortsetzung der beiden Oberge-schosse der Rotunde. In diesem Wechselspiel verkehrt sich der Blick nach außen zum Blick ins Innere. Sehnsucht nach Unendlichkeit und Introversion – einmal mehr finden sich hier zentrale Elemente der deutschen Romantik, nicht zuletzt in einigen Werktiteln und als zu-meist musikalischer Bezugspunkt (zum Beispiel Wolfsschlucht).

Auch in der Kunsthalle München ist derzeit im Rahmen des Faust-Festivals zu bestaunen, wie vielfältig, tiefgründig und gleichsam effektvoll Fürhofers Reflexionen der deutschen Kultur-geschichte ausfallen: Für die Schau Du bist Faust. Goethes Drama in der Kunst hat der Künstler einen bühnenartigen Ausstellungsparcours entwickelt, der den Besucher durch die musikalische, bildkünstlerische, literarische und dramaturgische Rezeption des Fauststoffes führt. Dass die Wahl auf Philipp Fürhofer fiel, überrascht nicht. Seine Verschränkung tradier-ter visueller Narrative mit einer zeitgenössisch-individuellen künstlerischen Sprache, die in direkten Dialog mit dem Betrachter tritt, verwandelt kulturhistorische Stoffe zu atmosphäri-schen Erlebnisräumen, deren Wirkmacht sich kaum einer zu entziehen vermag.