Alisa Margolis

 

Alisa Margolis wurde 1975 in Kiew geboren. Ihre künstlerische Ausbildung absolvierte die Malerin in New York, wohin ihre Familie 1979 ausgewandert ist. Mittlerweile hat es Margolis zurück nach Europa verschlagen. Seit 2009 lebt und arbeitet die Malerin in Berlin. Und so verwundert es nicht, dass sich in ihrem künstlerischen Schaffen Eindrücke aus Europa und Amerika gleichermaßen spiegeln.

Nach ihrem Abschluss an der Columbia University reflektierte Margolis zunächst die amerikanische Popkultur in einer Reihe von Gemälden. Sie zeigen stets Gruppen von Cheerleadern, die Margolis geradezu skulptural aufschichtete und verknotete. Mit feinem, präzisen Duktus verfremdete die Künstlerin die Körper ihrer Protagonistinnen, so dass der Eindruck eines veränderten Aggregatzustands entsteht: die Körperteile scheinen flüssig zu werden, sich aufzulösen oder gar zu wuchern. Doch bald kehrte Margolis dem dezidiert amerikanischen Motiv und dem glatten Malstil den Rücken zu. Die Künstlerin suchte nach einem universellen Motiv und einer entsprechenden Bildsprache. Im Zuge dieser Suche nach allgemeingültigen Ausdrucksformen erkundete die Malerin auch die Möglichkeit ortsspezifischer Installationen außerhalb klassischer Kulturinstitutionen, mit denen sie die Reichweite ihrer künstlerischen Aussagen potenzieren konnte.

Während eines zweijährigen Aufenthaltes in Amsterdam entdeckte Margolis dann die Gemälde des „Goldenen Zeitalters“ für sich – jene Malerei des niederländischen 17. Jahrhunderts, in der sich das gesamte kulturelle, gesellschaftliche und politische Selbstverständnis der einstigen Handelsweltmacht artikuliert. Da in dieser Zeit so viele Gemälde wie in keiner Epoche zuvor oder danach entstanden, sind sie in Museen und Privatsammlungen bis heute ebenso prominent wie zahlreich vertreten. Dadurch sind wir noch immer bestens mit den Bedeutungshorizonten ihrer Symbolik vertraut. Diese enorme Breitenwirkung der barocken Malerei faszinierte Margolis. Besonders die Blumenstillleben hatten es ihr angetan: die Werke sind dekorativ und farbenfreudig, zugleich aber auch abgründige Vanitas-Darstellungen, in denen Insekten und welkende Pflanzen von der Endlichkeit allen irdischen Lebens zeugen und zu einem gottgefälligen Leben auffordern. Dieser Widerspruch regte die Künstlerin zu eigenen Werken an. Sie begann, die niederländischen Blumenstillleben als Ausgangspunkt ihrer Gemälde zu nehmen. Und sie fügte gleich ein weiteres Kontrastmoment hinzu: sie wollte die frische, doch planvolle Malerei der Niederländer mit der gestischen Impulsivität der abstrakten Expressionisten aus den USA zusammenbringen. In diesem Zuge kontrastierte Margolis beispielsweise filigrane Dreieckkompositionsschemata und unzählige dünne, geradezu lasurartige Farbschichten mit einem gestischen, bisweilen pastosen Farbauftrag und gänzlich gegenstandslosen Pinselschwüngen. Auf diese Weise entstanden zumeist großformatige und farbenprächtige Blumenbilder, jedoch nie nach dem Naturvorbild, sondern stets nach – zumeist schwarz-weißen – Abbildungen entsprechender Kunstwerke.

Doch nicht nur für diese Werkreihe spielen Bildvorlagen eine wichtige Rolle – sie sind aus dem Werk der Künstlerin insgesamt nicht wegzudenken. Oft ist das Atelier von ihnen übersäht. Fast immer dienen sie als Anregung oder direkter Ausgangspunkt der Gemälde. Gelegentlich werden ausgedruckte Abbildungen auch direkt auf die Leinwände geklebt und mit dicken Übermalungen ins Werk integriert.

Auf den Bildvorlagen finden sich indes nicht nur Blumendarstellungen. Auch die zweite Säule von Margolis’ Motivspektrum ist hier zu finden: Szenen aus der amerikanischen Glam-Rock- und Heavy-Metal-Szene. So stoßen wir in zahlreichen Gemälden auf stark abstrahierte Konzertsituationen. Erst bei genauer Betrachtung geben sich Margolis’ schwungvolle Farbverläufe als Lichtkegel, Publikumsmasse oder Mikrofonkabel zu erkennen. Und wer sich auskennt, kann gar die Protagonisten identifizieren: besonders oft ist Axl Rose, der Leadsänger der Hard-Rock-Band Guns n’ Roses, zu erkennen. Wie andere Motive der Künstlerin ist auch Rose – als Held von Pathos und Nostalgie – zu einem Sinnbild einer Epoche und eines Lebensgefühles inszeniert worden.

Zunächst scheinen die beiden Werkreihen nur durch die Allgemeingültigkeit ihrer Motive verbunden zu sein. Doch auch das Kompositionskonzept ist ihnen gemein. Einerseits gerät der motivische Ausgangspunkt in beiden Fällen stets in den Hintergrund, so dass viele der Schöpfungen zunächst wie gänzlich gegenstandslose Gemälde anmuten. Andererseits spielt das musikalische Element im übertragenen Sinne auch bei den Blumenbouquet-Serien eine zentrale Rolle: der Künstlerin zufolge überführen nämlich alle ihre Kompositionen persönliche Eindrücke und Erinnerungen von Rhythmen und Melodien. Zusätzlich vereint der Einsatz intensiver Lichtdramaturgie die beiden Werkgruppen. Und es ist eben dieses Spiel mit dem Licht, durch das erhabene barocke Stillleben in malerische Spektakel und Konzertspektakel wiederum in dynamische, neobarocke Gemälde verwandelt werden.