Tom of Finland

 

Tom of Finland ist eine schwule Ikone. Seine Zeichnungen von lustvollen und gut gebauten Männern in enger Kleidung schufen starke schwule Identifikationsfiguren. Er zeichnete Männer, die gleichgeschlechtlichen Sex ohne Scham haben, ihn vielmehr mit Stolz und Selbstsicherheit genießen. Tom of Finland ist der Künstlername des Finnen Touko Laaksonen (1920–1991). Zunächst signierte er seine erotischen Zeichnungen mit „Tom“. Erst als seine Werke 1957 erstmalig publiziert wurden, wurde das heute weltberühmte Pseudonym „Tom of Finland“ geboren. Der Name Touko Laaksonen blieb fortan der Familie und den Kollegen vorbehalten; Freunde und Fans nannten ihn einfach nur „Tom“.

Touko Laaksonen wurde am 8. Mai in Kaarina als Sohn eines Lehrerehepaares im Südwesten Finnlands geboren. Künste spielten eine wichtige Rolle in der Familie. Der Vater hatte eine besondere musische Affinität und führte die Kinder als Leiter des örtlichen Chores bereits in jungen Jahren ans Singen heran. Die Mutter ermunterte die Kinder zu Handarbeit und Zeichnen. Nach dem Abschluss des Gymnasiums 1939 nahm Touko ein Fernstudium der Werbegrafik auf – in ebenjenem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg ausbrach. Zu Beginn des Jahres 1940 wurde er in die finnische Armee eingezogen. Zum Ende desselben Jahres wurde er zum Leutnant, 1943 dann zum Oberleutnant ernannt. Während seiner Stationierung in Helsinki hatte er nicht nur die Möglichkeit, immer wieder klassische Konzerte zu besuchen. Die kriegsbedingten Verdunkelungen boten ihm auch genügend Gelegenheit, die Gesellschaft der zahlreichen anderen einsamen Männer in der Stadt zu suchen, die ebenfalls hungrig auf Sex waren.

Als begnadeter Pianist und erfahrener Chorleiter gründete Laaksonen mit seiner Artillerieeinheit einen Chor, wodurch er die Moral seiner Mannschaft festigte. 1944 war Laaksonen in die zentralen brutalen Schlachten involviert, die letztlich das Fortkommen der feindlichen Kräfte beenden sollten. Nahezu fünf Jahre stand er insgesamt im Dienst der Armee – von der Grundausbildung bis zum hochdekorierten Offizier. Anschließend erschien ihm Helsinkis Schwulenszene der Nachkriegszeit als allzu schrill. Er versuchte zwar, sich anzupassen. Aber er hatte sich bereits zu sehr an die Uniform und den Sex mit anderen Uniformierten gewöhnt. Mit den raueren Männern, die er dabei kennengelernt hatte, fühlte er sich weiterhin wohler. Durch die Kriegszeit, als Finnland mit Soldaten und Matrosen geradezu überflutet wurde, entwickelten sich auch Stiefel und Uniformen endgültig zu einem Fetisch.

Nach dem Ende des Krieges schloss Laaksonen seine Ausbildung als Werbegrafiker ab und nahm parallel ein Studium der Musik an der berühmten Sibelius-Akademie auf. 1949 schloss er das Studium in den Fächern Komposition und Klavier ab. Doch als Konzertpianist gab es nur wenig Arbeit, sodass er Probenpianist und Teil eines Ensembles wurde, das während der nächsten zehn Jahre in Restaurants und Clubs spielte.

Als er sein Land im Krieg verteidigte, konnte Laaksonen seinen privaten Zeichnungen nur wenig Zeit widmen. Als er aber nach dem Krieg die Privatsphäre eines eigenen Raumes hatte, konnte er endlich seine Fantasien zu Papier bringen – während er sich nachts mit Männern in öffentlichen Parks und an anderen Schwulentreffpunkten in Helsinki vergnügte. Touko Laaksonen teilte sich zu dieser Zeit eine Wohnung mit seiner Schwester und einer Mitbewohnerin. In einem Park traf er auf Veli „Nipa“ Mäkinen (1932–1981) und lud ihn zu sich nach Hause ein – er sollte quasi nicht wieder gehen. Schließlich zog das Paar in eine eigene Wohnung. Laaksonens Familie schätzte Nipa sehr und fragte nie nach der Beziehung der beiden Männer: Für sie blieb Nipa einfach immer Toukos „Mitbewohner“.

Tagsüber arbeitete Laaksonen in einer Werbeagentur, am liebsten zeichnete er Menschen. Kunden beschwerten sich jedoch darüber, dass die Väter seiner perfekten finnischen Familien „zu sexy“ seien. Er wurde daraufhin nicht etwa entlassen, sondern wechselte ins Management und wurde letztlich künstlerischer Leiter der Agentur. Trotz dieser Erfolge und Karrieresprünge sollte ihn seine bürgerliche Tätigkeit nie gänzlich erfüllen.

Bis Mitte der 1950er Jahre wurden die „schmutzigen Zeichnungen“ – wie er sie bescheiden nannte – nie offiziell publiziert. Tom of Finland hatte sie lediglich seinen Freunden gegeben und einige Blätter fotografiert, die dann in privaten Kreisen zirkulierten. Das änderte sich 1957, als Bob Mizer erstmals eine der Zeichnungen auf das Cover seines Magazins Physique Pictorial setzte. Tom of Finlands Zeichnungen fügten der Welt der „Muskelmagazine“ einen neuen Aspekt hinzu: Verlangen. Der Künstler wollte den Rahmen der üblichen Muskelprotzdarstellung sprengen und Männer mit Lust aufeinander zeigen – und zwar mit Natürlichkeit, Humor und Spaß. Seine Männer waren mit ihrer Sexualität, ihren Bedürfnissen und ihren Körpern im Reinen. Sie waren gay im ursprünglichen Sinne des englischen Wortes: fröhlich und unbeschwert.

Tom of Finland machte nun kleine fotografische Reproduktionen von seinen Arbeiten, um das Werk zu verbreiten. Die Drucke wurden einzeln oder in Serien verkauft und konnten direkt über ihn oder seinen Verleger bestellt werden. 1973 tat er dann den entscheidenden Schritt, um sich ausschließlich seiner Kunst zu widmen: Er verließ die Werbeagentur. Die neue Hingabe an seine Leidenschaft sollte sich bezahlt machen, sie befeuerte seine Anerkennung im Ausland weiter. In Finnland wiederum schien es unvorstellbar, dass ausgerechnet ein Finne etwas derartig Unanständiges gezeichnet hatte!

1976 fand die erste Ausstellung seiner Zeichnungen statt, und zwar in Europas erstem reinen Gay-Sexshop, der sich in Hamburg befand. 1978 besuchte Tom of Finland dann endlich die USA. In jenem Jahr fanden gleich zwei Einzelausstellungen statt: eine in Los Angeles und eine in San Francisco. Und dann gab es noch eine Ausstellung in New York mit dem Künstler Etienne, die der gebürtige Kanadier Durk Dehner (*1949) veranstaltete. Die Reise hatte sich also in jeder Hinsicht gelohnt. Sie gab der Karriere Tom of Finlands einen enormen Schub.

Tom brauchte jemanden, um seine Geschäfte zu verwalten, und es stellte sich heraus, dass Durk Dehner, der ihn bei seiner ersten Ausstellung in Los Angeles beherbergt hatte, genau der Richtige war: Er wurde Verwalter, Model, Liebhaber und Geschäftspartner. Zusammen bildeten sie die Tom of Finland Company, der 1984 die gemeinnützige Tom of Finland Foundation folgte, die Durk Dehner bis heute leitet.

In den 1980er Jahren pendelte Tom zwischen Los Angeles und Helsinki. An beiden Orten arbeitete er an Ausstellungen in Europa und Amerika, Publikationen, Auftragsarbeiten und zugleich an der zeichnerischen Umsetzung seiner eigenen Fantasien. 1990 verliehen ihm seine finnischen Kollegen den höchsten Preis für Comics. Am 7. November 1991 verstarb der Künstler im Alter von 71 Jahren in Helsinki an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD).