Uwe Wittwer

Im Widerschein – Scherben
30. April – 18. Juni 2016

Während des Zweiten Weltkrieges wurden zahlreiche Kulturgüter verlagert und zerstört. Nach manchen Kunstschätzen wird noch immer gesucht. Dieses bis heute nicht abgeschlossene Kapitel unserer jüngeren Geschichte greift der Schweizer Künstler Uwe Wittwer im Rahmen seiner vierten Einzelausstellung in der Galerie Judin mit rund 100 dieses Jahr entstandenen Werken auf.

 

Die Werkgruppe Im Widerschein – Scherben führt erstmalig alle inhaltlichen Schwerpunkte zusammen, die Wittwers Schaffen seit nunmehr 25 Jahren prägen. Sie verschränkt seine Befragung des kunsthistorischen Kanons mit seinem Interesse an Vergänglichkeit, Verlust und dem Verblassen der Erinnerung. Durch seine Familiengeschichte – sein Vater und seine Großeltern lebten vor und während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland – kommt auch ein autobiografisches Element dazu. Es ist jedoch keine nostalgische Spurensuche, sondern eine Untersuchung der Aussagekraft von Bildern und der Überlebensdauer kunsthistorischer Maßstäbe.

Zerstörte, verschollene und geborgene Kunstwerke bilden den Ausgangspunkt seiner Aneignungen. So stellt der Künstler ein Panoptikum unseres europäischen Kulturgedächtnisses zusammen, das nur noch in der Erinnerung vollständig ist. Als Sinnbild eines solchen Bildgedächtnisses kann auch Schloss Neuschwanstein begriffen werden, das Wittwer in dem Ölgemälde Menetekel aufgreift. Hier lagerten die Nationalsozialisten umfangreiche Bestände ihrer Beutekunst. Was an diesem Ort, den Wittwer aus dem dunklen Hintergrund schemenhaft hervorleuchten lässt, zusammengetragen wurde, sollte zum düsteren Vorzeichen der kommenden eigenen Kulturgutverluste werden. Enteignete Kunstschätze spiegeln sich auch in dem Gemälde Figurinen negativ, das Meißner Porzellanfiguren aus einer jüdischen Privatsammlung zeigt, die seit der erzwungenen Versteigerung verschollen sind. Dem Gemälde Nike von Samothrake liegt indes der vorsorgliche Abtransport der antiken Siegesgöttin aus dem Pariser Louvre zugrunde, die mit Seilen aus dem Museum gehoben und in Sicherheit gebracht werden konnte. Ebenfalls für nachfolgende Generationen bewahrte Meisterwerke von Nicolas Poussin dienten als Ausgangspunkt der großformatigen Ölgemälde Bacchanal nach Poussin und Jagd nach Poussin. Die Werke bilden gleichsam das Fundament der Ausstellung: mit diesen kunsthistorischen Reflexionen entwickelte Wittwer den Stil der neuen Werkgruppe.

Dem tragischen Ende einer Berliner Museumsevakuierung sind die Gemälde Kleiner Spiegel und Reiter negativ nach Vivarini sowie die 94 Aquarelle der Serie Im Widerschein gewidmet. Es sind künstlerische Reflexionen der fast 500 verschwundenen Gemälde des einstigen Kaiser-Friedrich-Museums, dessen Sammlungen heute in der Gemäldegalerie und dem Bode-Museum zu sehen sind. Ab 1941 wurden dessen Alte Meister von der Museumsinsel in den neugebauten Flakbunker Friedrichshain ausgelagert. In den Tagen nach Kriegsende verliert sich hier die Spur der Gemälde, die meist zu groß für den rettenden Abtransport in stillgelegte Bergwerke waren. Die Bestände, unter denen sich alleine zehn Gemälde von Rubens und drei von Caravaggio befanden, wurden in den Tagen nach Deutschlands Kapitulation bei Bränden im unbewachten Bunker vermutlich zerstört. Ausgehend von Schwarz-Weiß-Abbildungen dieses verschwundenen Museums entwickelte Wittwer durch einheitliche Farbgebung und kompositorische Verfremdungseffekte eine geschlossene Gruppe von Aquarellen. Wie bei den Gemälden werden die Kompositionen der Referenzwerke variiert, übermalt oder ins Negativ verkehrt. Insbesondere kommen Methoden der Collage zum Einsatz. Wittwer wählt Bildausschnitte und kombiniert Versatzstücke. Häufig sind Elemente der Ausgangswerke geradezu herausgeschnitten. Durch derartige Eingriffe spiegeln Wittwers Werke nicht zuletzt die Gewaltexzesse des Krieges wider. In dem Gemälde Reiter negativ treffen diese künstlerischen Wundmale auf die tatsächliche Kriegszerstörung. Wittwers Reiter entstammen einer Fotografie, die den Einzug berittener Truppen festhält. Von der eroberten Stadt zeugen nur noch architektonische Skelette. Und auch die Sieger sind bei Wittwer lediglich noch gespenstisch anmutende Schatten ihrer selbst.

Mit seinen Gemälden und Aquarellen vereint Wittwer künstlerische Vergangenheit und Gegenwart zu eindrucksvollen Bildschöpfungen. Ausgehend von einem Stil- und Motivkanon, der uns durch die zentralen Sammlungen europäischer Kunst zumindest unterbewusst vertraut ist, entstehen nachhaltige Irritationsmomente. Ästhetische und motivische Zwischenräume tun sich auf. Den Betrachter in eben jenen Raum zwischen Bekanntem und Unbekanntem zu führen, ist das erklärte Ziel des Künstlers.