Oliver Clegg

Berceuse
15. Januar – 19. Februar 2011

Der Brite Oliver Clegg (geb. 1980) genießt den Ruf eines vielseitigen Künstlers, dessen sorgfältig ausgeführte Arbeiten zwischen Zwei- und Dreidimensionalität schweben. Obgleich ein meisterhafter Zeichner und geübter Maler ist er paradoxerweise zur Zeit auch einer der am konzeptionellsten arbeitenden jungen Künstler, wovon sein Spiel mit Sprache, Narrativen und Gedächtnis sowie seine Benutzung des Symbolischen und Surrealen beredtes Zeugnis ablegen.

Clegg liebt Wortspiele in verschiedenen Sprachen. Dabei ist er immer wieder auf das französische Wort für Schlaflied – „berceuse“ – gestoßen, welches für ihn zum Ausgangspunkt eines neuen Werkzyklus’ und zum Titel seiner ersten Soloausstellung in Berlin wurde. Der besänftigende Charakter dieses Wortes imitiert den Klang eines Vaters oder einer Mutter, die ihr Kind ins Land der Träume schicken. Für den Künstler sind Träume wichtig, weil sie es ihm ermöglichen einen Raum zu schaffen, der auf halbem Weg liegt zwischen dem Realen und dem Surrealen. Wie diese Ausstellung zeigt, fühlt Clegg sich in der Tat der surrealistischen Idee der ‚Harmonie des Disharmonischen‘ verpflichtet. Durch die Benutzung von gefühlsbeladenen Gegenständen, die sich aber in einer Weise verhalten, die nur der Träumer zu verstehen vermag, gelingt es dem Künstler ein spielerisches Element in sein Werk hineinzubringen.

Das Motiv des Spiels zieht sich durch Cleggs gesamtes Werk hindurch, am offensichtlichsten in seinen Gemälden ausrangierten Spielzeugs, welche er auf gefundenen Zeichenbrettern ausführt. Dabei erzählen die Objekte einerseits von der Sehnsucht nach der Vergangenheit, beschwören aber auch den Moment, in dem ein Kind die einstmals geliebte Kuscheldecke oder das Spielzeug ‚aufgibt‘. Obwohl es ‚nur’ ein Gegenstand ist, der zu verschwinden scheint, geht dabei doch sehr viel mehr verloren. Freuds Essay über den „Dichter und das Phantasieren“, in dem er behauptet, dass die fantastische Welt des Kindes für den Erwachsenen zwar verloren sei, von Dichtern und Künstlern in ihren Arbeiten jedoch am Leben erhalten werden könne, ist denn auch von zentraler Bedeutung für Clegg.

Clegg hat ein Gespür für die Bedeutung, die alltägliche Gegenstände durch die Hand des Schriftstellers oder Künstlers gewinnen. Mit dieser Art des Recycling begann Clegg bereits auf der Kunsthochschule, wo er alte Zeichnungsunterlagen sammelte, die er für ihre Einritzungen und Kritzeleien schätzte. Was ihm daran gefällt, ist dass ihnen eine besondere Geschichte anhaftet, die mit dem Leben eines anderen Menschen verknüpft ist. Ein gefühlsbeladener Gegenstand – ein Tagebuch, ein abgegriffener Roman, ein Schreibpult, eine Mitgift-Truhe, ein Schachbrett oder selbst die Bodendiele aus einer säkularisierten Kirche – wird durch Cleggs Hände veredelt. Durch seine Arbeit an und mit diesen Gegenständen erlaubt er dem Betrachter, zwischen Erzählungen und Welten hin und her zu wandern, bekannte Bezüge mit neuen Bildern zu kombinieren oder auch gänzlich neue zu schaffen – ganz im Sinne von Duchamps Diktum: „der Betrachter macht das Bild.“

Für die gegenwärtige Ausstellung hat Clegg sieben neue Gemälde und eine Skulptur angefertigt. Den Auftakt bildet „Begin“, eine hölzerne Wiege, in deren Boden der Titel eingraviert ist. Die Wiege steht symbolisch für den Beginn der Reise des Lebens, daher ist die Assoziation mit Tod und Leben unvermeidbar. Die leere Wiege beschwört auch das nun erwachsene Kind herauf. Einst wurde es von seiner Mutter in den Schlaf gewogen. Aber mit dem Heranwachsen verliert die Nacht ihre Rolle als willkommene Flucht aus dem Tag, und bringt einen Sturm von Träumen.

„Think of Me“ ist ein doppeltes Selbstporträt des sitzenden Künstlers von hinten. Er scheint in einen Spiegel zu blicken, in dem er aber nicht seine Reflektion sieht, sondern denselben Anblick, vor dem der Betrachter steht: seinen Hinterkopf, wodurch der Identitätssinn des Künstlers in Frage gestellt wird. Diese Arbeit ist offensichtlich eine Hommage an Magritte. Da aber Clegg das Gemälde auf die Rückseiten mehrerer gefundener Spiegel aufträgt, wird der Eindruck vermittelt, als werde er mit denen verglichen, die sich vor ihm in diesen Spiegeln betrachtet haben. Diese Arbeit ist erfüllt von des Künstlers eigenem Sinn für die Widersprüche des Gefühlslebens, sowie von den Träumen und Alltagssorgen all jener, die einst in diese Spiegel geblickt haben.

Im Schach steht das Wort „Zugzwang“ für die Notwendigkeit einen Zug zu machen. Durch die Benutzung von Chiaroscuro, einer für den italienischen Barock typischen Lichtführung, erschafft Clegg ein ebenso faszinierendes wie sinnliches Selbstporträt. Das auf der Rückseite von vierzehn alten Schachbrettern – die für sich bereits eine bedeutungsschwangere Oberfläche darstellen – gemalte Werk, entwickelt sich aus der Prämisse des Konflikts: in diesem Fall des Konflikts zwischen Komödie und Tragödie, bezeugt durch die zwei vom Künstler betrachteten Masken. Auf jedem Brett sind schon viele Spiele gespielt worden, was es uns ermöglicht, dieses Werk als die Summe der Energien einer Vielzahl von Seelen zu verstehen, aber gleichzeitig auch als Widerspiegelung der im Widerstreit stehenden Emotionen des Künstlers.

Der Titel „In Words Drown I“ ist ein Palindrom; er bleibt derselbe, ob er rückwärts oder vorwärts gelesen wird. Im Gemälde ist ein Mädchen zu sehen, welches nach ihrem schlafenden Selbst greift. Die hier dargestellte Szene erinnert an ein Beispiel für reflexives Sehen, das vom Phänomenologen Merleau-Ponty formuliert wurde. Dieser bestritt Descartes‘ Behauptung, dass der Künstler die Welt, weil sie ihm äußerlich ist, nachzubilden versuche, um sie zu erkennen. Dieses Argument Descartes‘ gab der Kunstgeschichte ein auf Repräsentation abstellendes Verständnis von Sehen und Kunst. Dagegen lautet Merleau-Pontys Einwand, dass die Welt dem Künstler nicht äußerlich sein könne, weil er sich in dieser Welt bewege und sie dabei gleichzeitig betrachte; er sehe also sowohl die Welt als auch sich selbst in der Welt. Merleau-Ponty erläutert dieses Argument mithilfe der folgenden paradoxen Analogie: wenn ich mich selbst berühre, dann berühre ich und werde berührt; dennoch werden beide Handlungen von mir erfahren. In Cleggs Gemälde nun greift das Subjekt nach seinem schlafenden Selbst, und der bewusste Geist gleitet, versinkt, oder ‚ertrinkt‘ (‚to drown’) gar im Unterbewussten.

Clegg liebt Wortspiele, und „Piano Forte“ ist hierfür ein schönes Beispiel. Obgleich der Titel das technische Wesen des Klaviers beschreibt, bedeuten die Worte auch so viel wie „leise“ und „kräftig“. Vielleicht ist auch dies eine Bezugnahme auf die Dichotomie des Selbsts, das zwischen dem, was es denkt und fühlt, und dem, was es tatsächlich ausdrücken kann, gespalten ist.

Die Gemälde „I“ und „II“ stellen losgelöste, schwebende Gegenstände dar: ein Kissen und ein Stuhl, beide auf die Bodendielen einer abgerissenen Kirche gemalt. Dass der Stuhl aus „II“ schwebt, deutet an, dass er über seine normale Funktion hinausweist und eine gefühlsmäßige, wenn nicht gar spirituelle Dimension angenommen hat. Vielleicht war dieser Stuhl einst mit einem bestimmten Besitzer verbunden, so dass er nun mit einer sentimentalen Bedeutung erfüllt ist. Es ist nicht überraschend, dass Gegenstände zu stark gefühlsbeladenen Vorboten werden können. Dass sie im gegebenen Fall aber auch noch schweben, deutet möglicherweise die Himmelfahrt des Geistes an. Wieder einmal stellt Clegg den Betrachter vor ein Rätsel: der Stuhl ist ein Gegenstand, der mit der Trägheit und Bodenhaftung des Menschen verknüpft ist. Das Kissen aus „I“ wiederum symbolisiert Leichtigkeit. Clegg identifiziert zwei der wesentlichsten Gegenstände, die den Menschen durch Tag und Nacht begleiten. Dass der Stuhl ein weiteres Symbol für den bewussten Geist ist und das Kissen für das Unterbewusste steht, wurde womöglich vorsätzlich im Unklaren gelassen, denn hierdurch wird der Betrachter wieder an Duchamps Diktum hinsichtlich seiner Rolle im Prozess des Betrachtens von Kunst erinnert.

Mit „Plato is a Bore“ endet die Ausstellung. In diesem Werk hat Clegg eine Marionette auf ein in seine Bestandteile zerlegtes Schulpult gemalt. Mit dieser Marionette erinnert der Künstler an Platons Höhlengleichnis, in dem eine Gruppe von Menschen beschrieben wird, die ihr ganzes Leben lang an die Wand einer Höhle gekettet sind. In diese Höhle fallen Schatten, die von Personen verursacht werden, die außen vorbei gehen. Mit der Zeit verbinden die Höhlenbewohner Formen mit diesen Schatten. Erst als sich einer von ihnen aus der Höhle befreit, erkennt er, dass die Schatten keineswegs die Wirklichkeit darstellen, sondern nur eine Puppenspielversion derselben.

Der Zweck von Platons Gleichnis war, die Wichtigkeit des Wissens gegenüber der Sinneswahrnehmung zu erklären. Cleggs Marionette erinnert den Betrachter, dass Erfahrung von Wissen begleitet werden muss. Der Titel dieses Werks könnte sehr wohl von einem gelangweilten Schüler, der ‚die Höhle‘ noch nicht verlassen hat, auf das Pult gekritzelt worden sein.

Oliver Clegg lebt und arbeitet in Cornwall und London.

 

Jane Neal