Uwe Wittwer

Andere Orte — Wäldchen
16. April – 18. Juni 2011

Die zentralen Themen im umfangreichen Werk des Schweizer Künstlers Uwe Wittwer sind die „Wahrheit des Bildes“ und die „Bilderinnerung“. Im medialen und digitalen Zeitalter, in dem die Unterscheidung zwischen echt und falsch - oder „bearbeitet“ - zunehmend schwieriger wird, kommt der übergeordneten Frage nach Bild, Wirkung und Wirklichkeit eine immer größere Brisanz zu. Ausgangspunkt von Wittwers Werken sind denn auch digitale Bilder, die er im Internet findet und deren Autoren immer anonym bleiben. Mit Hilfe von Bildbearbeitungsprogrammen verfremdet Wittwer dieses Quellenmaterial solange, bis die Bilder zu seinen eigenen werden und er sie auf Leinwand oder Papier übertragen kann. Andeutungen und Ausblendungen, Unschärfen und der Umkehr ins Negative lassen Werke entstehen, die auf suggestive Weise mit unseren Sehgewohnheiten und Bilderinnerungen spielen. Zur Dialektik von Wittwers Bildern gehört, dass ihre ausgesprochene Sinnlichkeit und Schönheit nur die Einstiegsebene bildet – darunter finden wir oft Bedrohung und Entsetzen.

Die zweite Einzelausstellung Uwe Wittwers in diesen Räumen, mit dem mysteriösen Titel Andere Orte – Wäldchen, ist nach Verwehung - der fast epischen Präsentation von Werken auf Papier – eine reine Malereischau. Neben diesem formalen Unterschied hat der Künstler auch thematisch den Schwerpunkt verschoben. Seit Jahren konzentriert er sich auf eine übersichtliche Anzahl von Werkgruppen, die er gleichzeitig und nebeneinander weiterentwickelt und verdichtet. Wittwers Werk gleicht dem Wellenbild von sich überlagernden konzentrischen Kreisen, das entsteht, wenn man eine Handvoll Steine ins Wasser wirft. Für die Ausstellung Verwehung warf Wittwer, um bei diesem Bild zu bleiben, einen massiven einzelnen Stein ins Wasser, eröffnete sie doch eine neue Werkgruppe, die man als „Ostpreußische Idylle und Vertreibung“ umschreiben könnte. Das titelgebende Hauptwerk dieser monothematischen Ausstellung war ein 77-teiliger Zyklus von fast monochromen Aquarellen, deren Motive auf im Internet gefunden Photographien beruhte. Für die Weiterentwicklung dieser Werkgruppe kommt diesem Bildfindus eine ähnliche Funktion zu, wie dem berühmten „Atlas“ für Gerhard Richters Malerei.

So überraschte es natürlich nicht, dass der Besucher der aktuellen Ausstellung Motiven aus Verwehung wieder begegnet – nun auf Leinwand und Seite an Seite mit Motiven aus seinen älteren Serien. Die erstaunliche Themen-Disziplin Wittwers erhöht beim Betrachter die Freude des Wiedererkennens. Bereits in den frühen 90er-Jahren verwendet und verfremdet er Alte Meister und anonyme Familienschnappschüsse, tauchen „Wäldchen“, „Haus“ und „Interieur“ in seinen Gemälden auf. Aber wer sein Schaffen über die letzten 20 Jahre verfolgt hat, erlebt ein déjà-vu das nicht langweilt – sondern ganz im Gegenteil durch Verdichtung zunehmend fasziniert.

Das „Wäldchen“ (2011) des Ausstellungstitels ziert die mit Abstand kleinste Leinwand – und ist nicht die Naturidylle, die man erwarten darf. Nackte Stämme und Äste im Vordergrund und ein abgründiges Rot im Hintergrund lassen erkennen, dass es sich um einen Brandwald handelt. Es ist kein Ort an dem man sich niederlassen wollte, selbst der Blick des Betrachters findet keinen Ruhepunkt. Es ist ein für Wittwers Repertoire so typischer „Unort“, scheinbar vertraut aber doch ambivalent und bedrohlich. Es ist im Übrigen eines der wenigen Bilder, die nicht auf einer gefundenen Photographie beruhen.

Einen Brand kann man auf den zweiten Blick auch im dunklen Bild „Im Garten“ (2011) ausmachen. Die beiden Kinder im Vordergrund, an Hänsel und Gretel erinnernd, grinsen den Betrachter zwar noch an, werden aber gleich davonhuschen, während das Häuschen im Hintergrund in Flammen aufgeht.

Auch die „Drei Schwestern“ (2010) blicken dem Betrachter frontal entgegen. Wir kennen sie bereits aus der Verwehung und noch immer ist unklar, ob sie ihre hochgeknöpften Mäntel zum sonntäglichen Kirchgang tragen – oder bereitstehen für die Flucht aus ihrer winterlichen Heimat.

Eindeutig ist die Flucht-Thematik bei der schon fast monumentalen „Winterlandschaft“ (2011). Pferde ziehen einen beladenen Heuwagen durch eine verschneite Landschaft. Das Gemälde ist farblich extrem reduziert, dabei aber raffiniert aufgebaut: die Grundfarbe Blau kommt sowohl in warmen wie in kalten Tönen vor und wird durch einen komplementären Pfirsichfarbton in den Bäumen des Bildhintergrunds noch verstärkt. Während Wittwer das Motiv des Fluchtwagens unumwunden erkennbar macht, liegt eine tiefe Ambivalenz in der Tageszeit. Der blasse Kreis am Himmel könnte sowohl die Sonne als auch ein Vollmond sein. Das Kulissenhafte der Szene wird noch durch die sorgfältige Komposition (mit dem Ruinenstück links als Gegenstück zum Baum rechts) verstärkt.

Das Bild „Narr“ (2011) bleibt auch dann rätselhaft, wenn man die zugrundeliegende Zeichnung „Laute spielender Narr, ein Bein über den Nacken legend“ (1605) von Anton Möller dem Älteren kennt. Die bizarre Anatomie lässt sich vielleicht durch ein Holzbein erklären, das aus dem Rumpf des Narren zu ragen scheint und an dem ein kleiner Hund hochspringt. Demnach wäre das um den Nacken gelegte „Bein“ bloß das unnütze Hosenbein des Einbeinigen. Trotz Narr ist die Szene nicht lustig. Im besten Fall erinnert er an die Figur eines Rattenfängers oder Jahrmarktgauklers – aber wahrscheinlicher ist eine Kriegsversehrung. Sowohl die Originalzeichnung als auch Wittwers Gemälde überrascht durch ihre Mitleidlosigkeit.

In „Interieur“ (2011) scheinen seltsame Farbflecken im Flur eines unbewohnten Haus zu schweben. Diese haben im Interieur keine Funktion und entziehen sich einer gegenständlichen Betrachtung. Wittwer spielt damit, dass beim Betrachten eines gegenständlich gemalten Bildes das Bewusstsein des Malprozesses sofort in den Hintergrund tritt. „Ich klebe Pigmente in einer bestimmten Ordnung auf die Leinwand“, wie es Wittwers ausdrückt. Mit den schwebenden Flecken, in denen unser Science-Fiction-geschultes Auge eine unheimliche Erscheinung sah, geht es dem Künstler also nur um den Verweis auf die Farbe als solche. In einem verwandten Gemälde, „Haus“ (2011), sehen wir ein Allerweltshäuschen mit zugemauerten Fenstern. Es könnte in der Nähe des „Wäldchen“ stehen und darin sich das Interieur mit den schwebenden Farbflecken verbergen. Wittwer bezeichnet es als das „Haus des Malers“ und spielt damit auf die Hermetik des künstlerischen Prozesses an: der Maler als Alchemist, der nach innen schaut, nicht nach außen.

Wie das „Haus“ ist auch das farblich faszinierende Bild „Caravan negativ“ (2010) ein Unort – oder eben ein „Anderer Ort“ des Ausstellungstitels. Das gilt auch für die Silhouette eines Riesenrads in „Abend“ (2010). Im Hintergrund des vermuteten Jahrmarkts ragt ein Viadukt gegen den Abendhimmel, der stark an die Ruinenbilder Caspar David Friedrichs erinnert.

In „Der Tanz negativ nach Watteau“ (2010) scheint Wittwer eine Idylle gefunden zu haben, die durch keinen Brand und keine Flucht gestört wird: in Watteaus Original von 1720 wird ein kokettes Mädchen ihren drei kleinen Gefährten gleich einen kleinen Tanz darbieten. Einer von ihnen spielt auf einer Blockflöte, während das Mädchen dem Betrachter zulächelt. Seinem Charme erlag schon Friedrich der Grosse, der das Bild 1766 für seine Potsdamer Residenz erwarb. In der Rezeptionsgeschichte eines Kunstwerks kann man die oft vielsagende Abfolge von Besitzern durchaus ausblenden. Und so trübt nur für den Eingeweihten der Umstand, dass dieses Gemälde 1942 von Hitler für seine persönliche Sammlung gekauft wurde, die Idylle dieses Tänzchens. Heute hängt es in der Berliner Gemäldegalerie, wo es Wittwer auf einem seiner regelmässigen Besuche entdeckte. Von den dunklen Flecken in seiner Provenienz wusste er nichts.

Die Ausstellung Andere Orte – Wäldchen umfasst 25 Gemälde, die 2010 und 2011 entstanden.