Christoph Hänsli

Mortadella und andere Werke
18. August – 13. Oktober 2012

Das in den Jahren 2007 und 2008 entstandene Werk Mortadella von Christoph Hänsli hat es durch ein vielbeachtetes Künstlerbuch und einen Text des Schriftstellers und Kunstkritikers John Berger (Ways of Seeing) in Kunstkreisen bereits zu einiger Berühmtheit gebracht. Dass es vier Jahre nach seiner Entstehung nun erstmals öffentlich ausgestellt wird, hat nicht zuletzt mit seinen Dimensionen zu tun. Es besteht aus 332 einzeln gerahmten Gemälden, die in Größe und Technik alle identisch sind: knapp A4, Acryl und Öl auf Papier und Karton. Auch ikonografisch sind die Gemälde eng verwandt, denn dargestellt sind lebensgroß die 164 Scheiben und zwei Zipfel einer aufgeschnittenen mittelgroßen Mortadella-Wurst – und zwar immer beide Seiten. Hänsli hat für diese Aufgabe eine aufwändige Maltechnik gewählt: Unter der sichtbaren Oberfläche verbergen sich elf aufbauende Farbschichten, zuerst einige Lagen Acrylfarbe, gefolgt von einer mehrschichtigen Überarbeitung in Öl, versiegelt mit mehreren Lasuren Firnis. Auch der weißliche Hintergrund ist sorgfältig an die Scheiben herangemalt, damit die Oberfläche der gemalten Scheibe genau auf der Ebene des Trägerkartons erscheint. Insgesamt beanspruchte dieser Prozess 15 Monate Arbeit.

Der Aufwand dient aber nicht etwa einer hyperrealistischen Wiedergabe der Wurst. Bei näherem Hinschauen ist zu erkennen, dass Hänsli die eigentlich körnige Struktur der Fleischmasse durch einen monochromen Farbauftrag in Rosa verschwinden lässt. Vor einer Farbfelder-Abstraktion retten nur die fein gemalten Pfefferkörner – ein schon fast kokettes Spiel, das der Künstler mit unserem Verlangen nach Gegenständlichkeit treibt. Auch wenn zwischen den beiden Seiten einer Mortadella-Scheibe nur 1,5 Millimeter Fleisch liegen, sind die jeweils aufeinanderfolgenden Gemälde nicht identisch. Die Größe und Position der weißen Fettpartien und der Pfefferkörner verändern sich leicht von Bild zu Bild, und auch das Dazwischenfahren der Klinge hat seine Spuren hinterlassen. Hänsli hat diese fast schmerzlich langsame Entwicklung für uns in Solo (2007) verdeutlicht, einem digitalen „Endlos-Daumenkino“. Die Fettpartien bewegen sich nun munter auf der wachsenden und wieder schrumpfenden Scheibe, als hätte ein Satellit die Bewegungen eines Eismeeres festgehalten. Doch das lenkt von den Intentionen des Künstlers ab. Hänslis Interesse gilt der statischen (Ober-)Fläche und den nahezu unendlichen Variationsmöglichkeiten, sie aufzubauen und zu gestalten. In die Oberflächen schreiben sich Geschichte, Erinnerung und Begehren ein, ihre Wiedergabe wird zur Spurensuche. Hänslis Umgang mit Pinsel, Farben, Pigmenten und Lasuren ist meisterhaft, und er findet für jede malerische Herausforderung eine individuelle Lösung. Seine Bildoberflächen verführen den Betrachter, die Gemälde mit den Augen abzutasten, um Verborgenes aufzuspüren.

Der Konzeptkünstler Hänsli tritt als Person in den Hintergrund, er vermeidet den persönlichen Gestus. Als Motive wählt er häufig Gegenstände, die an Alltäglichkeit kaum zu unterbieten sind. Subtil vermittelt er dem Betrachter: Es geht ihm um mehr als eine Schilderung von Realitäten. In ihrer schnörkellosen Schönheit lenken die Bilder unsere Aufmerksamkeit auf das, was uns umgibt, und sie erinnern uns daran, dass wir große Teile unseres Alltagslebens un- oder unterbewusst bewältigen. Entsprechend malt Hänsli die dargestellten Objekte fast immer in Lebensgröße, der gewählte Bildausschnitt hat offenbar keine kompositorische Bedeutung. Dieser eine Schritt weg von der Künstlichkeit erleichtert entscheidend die individuelle Erinnerung und das Wiedererkennen.

Hänsli sagt über seine Motivwahl, ein Gegenstand, eine Idee zu einem Bild verfolge ihn so lange, „bis ich es halt mache“. Oft entspringt diese zwingende Notwendigkeit der Erkenntnis, dass etwas dem Untergang, dem Verschwinden geweiht ist. Ob Hänsli einen obsoleten Lichtschalter portraitiert oder ein ungemachtes Hotelbett: Stets begleiten ihn die großen Themen der Vergänglichkeit und der Abwesenheit. In keinem seiner Bilder ist je ein Mensch zu sehen, und doch sind die Bilder stets von unserem absurden irdischen Dasein durchdrungen. Ohne Pathos und ohne Sentimentalität erzählen die Gegenstände von der Verlorenheit des Menschen in einer Welt, die Ordnung suggeriert. Trotz ihrer bestechenden bildlichen Präsenz schaffen es diese modernen Vanitas-Motive, einen Ausdruck von Absenz und Leere zu erzeugen, der im Betrachter eine Fülle von Assoziationen auslöst. Auch darin erweist sich Hänslis Meisterschaft.

Christoph Hänsli wurde 1963 in Zürich geboren und besuchte von 1984–88 die Schule für Gestaltung in Luzern. An der Universität Zürich vertiefte er sich in die Fächer Filmwissenschaft und Fotografiegeschichte. Seit 1997 stellt er seine Werke regelmäßig in Einzel- und Gruppenausstellungen aus. Mit John Berger verbindet ihn seit 1996 eine Künstlerfreundschaft, die zur gemeinsamen Publikation der Bücher Wet Rocks Seen from Above (1996) und Mortadella (2008) führte.

Neben Mortadella sind bei Nolan Judin neun weitere Werke von Christoph Hänsli zu sehen, entstanden zwischen 1998 und 2012, darunter das 22 Meter lange Gemälde Fassade (bis 13. Oktober).