Hugo Wilson

Coincidental Truths
2. Mai – 11. Juli 2020

Die jüngsten Werke des britischen Künstlers Hugo Wilson (*1982), allesamt zwischen 2018 und 2020 entstanden, spielen leichtfüßig über die Bande dreier Medien: Wilsons stilistische und motivische Stringenz erstreckt sich über 17 Ölgemälde, großformatige Kohlezeichnungen und Skulpturen aus Bronze und Keramik.

In allen drei Medien werden wir Zeuge einer spannungsreichen Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Gegenwart: In der Manier der Alten Meister – deren Technik, Kolorit, Lichteinsatz und Bildaufbau Wilson mit Leichtigkeit zu adaptieren weiß – verbinden sich stark abstrahierte, amorphe Gebilde zu kraftvollen, dynamischen Bewegungsverläufen, die zumeist geradezu zentrifugal aus der Bildmitte geschleudert werden. Auf doppelte Weise spielen diese Werke mit unserem kollektiven Bildgedächtnis und Erwartungshorizont. Zunächst zitieren Wilsons dramatische Kompositionen insbesondere die Kunst der holländischen and italienischen Barockzeit, also jener Zeit, die heute als geradezu sinnbildlich für die europäische Malereitradition gilt. Daneben lösen Wilsons Agglomerate zahlreiche gegenständliche Assoziationen aus. Zumeist ruft Wilson derartige Vorstellungen ganz bewusst hervor, indem er etwa Augen und Extremitäten, Federn und Fell, Perlen und Geäst in seinen Farbstrudeln versteckt und als Ausgangspunkt unserer Suche nach weiteren konkreten Bildinhalten feilbietet. Doch ganz gleich, ob wir nun versuchen, den Bildaufbau auf ein konkretes kunsthistorisches Vorbild zurückzuführen oder uns dazu verleiten lassen, einen eindeutigen figurativen Bildinhalt auszumachen: Letztlich erweisen sich beide Fährten als aussichtslos. Wilsons Bildfindungen lassen sich nicht festlegen. Genau um dieses Spiel mit unseren Erwartungen geht es dem Künstler, der damit unser Bedürfnis nach Eindeutigkeit – nach jenen im Titel benannten Wahrheiten – offenlegen möchte.

Tatsächlich verfolgt auch das Gemälde Guru, mit dem der Künstler die Einheitlichkeit seiner Werkgruppe sprengt, dieses Anliegen. Es ist ein realitätsnahes Porträt eines indischen Gurus, der unter dem Namen Sathya Sai Baba international für Furore sorgte. 1950 hatte er einen Ashram gegründet, der alsbald zum Zufluchtsort zahlreicher Inder und zum Sehnsuchtsort sinnsuchender Europäer und US-Amerikaner wurde. Wer nicht selbst ins gelobte Land reisen konnte, erkaufte sich die Teilhabe kurzerhand aus der Ferne. Mit den Spendengeldern wurden auch beeindruckende karitative Großprojekte finanziert, durch die Sathya Sai Baba zum tatsächlichen Heilsbringer wurde. Parallel wurde Kritik an der gut situierten Sekte laut – und ab den 1970er Jahren auch Missbrauchsvorwürfe gegen den Guru. Seiner Reputation konnten derartige Vorwürfe allerdings wenig anhaben. Die Sekte florierte weiter und kann heute Ableger in mehr als hundert Ländern vorweisen. Mit seinem Gemälde hat Wilson die widersprüchliche Rezeption von Sathya Sai Baba ins Bild gesetzt: Von seinem Guru kann gleichermaßen eine Bedrohung und ein Heilsversprechen ausgehen. Diese Ambivalenz ist autobiografischen Ursprungs. In den 1990er Jahren gehörte Wilsons Vater kurzzeitig zu den Anhängern des Gurus. Seine Empfänglichkeit für wechselnde Ideologien stellte das Familienleben wiederholt auf eine schwere Probe. Mit dem Gemälde hat Wilson nun seinen Frieden mit seiner Familiengeschichte geschlossen. Er hat keine Wertung des Portraitierten vorgenommen, sondern eine Projektionsfläche geschaffen, die beide Sichtweisen zulässt. Wilsons Guru wird somit zum autobiografischen Epilog seiner titelgebenden Suche nach parallelen Wahrheiten.